2013/10/20

David Graeber für Gesellianer


Begriffe wie Regionalgeld, Schwundgeld, Freiwirtschaft, Komplementärwährung oder der Name Silvio Gesell sind inzwischen ziemlich bekannt und in jeder Diskussion über ein beliebiges wirtschaftliches Thema findet sich mindestens ein Gesellianer. Vielleicht erkläre ich einiges davon ein anderes Mal noch genauer, obwohl ich wohl nicht mehr so aktiv werde wie früher. (Mein Verfasser hat mangels eines genügenden Einkommens nicht mehr die Muße, um sich um mich so zu kümmern wie das eigentlich sein sollte.) Jedenfalls scheint es so zu sein, daß einerseits einige Außenseiter sich um die Erklärung der Freiwirtschaft wirtschaftlich Desinteressierten gegenüber vergeblich bemühen und das überall im Netz, während andererseits die Qualitätsjournaille einen Narren an David Graeber gefressen hat. Die Anhänger einer wie auch immer gearteten Freiwirtschaft weigern sich bisher, sich die Erkenntnisse David Graebers zu Gemüte zu führen. Währenddessen wird an allen anderen Baustellen das Genie Silvio Gesell beharrlich ignoriert. Beides ist sträflich leichtsinnig. Darum scheint es mir dringend geboten, wenigstens etwas Abhilfe zu schaffen und die Kernpunkte aus David Graebers Erkenntnissen auf hoffentlich rasch verständliche Weise zusammenzufassen.

Während Silvio Gesell ein Kaufmann war und seine Erkenntnisse ihm aus seiner täglichen Praxis zugeflossen sind, ist David Graeber zwar momentan ein Wirtschaftsprofessor, aber eigentlich ein Ethnologe, der zuvor ethnologische Feldforschung, hauptsächlich in vielen Teilen Afrikas, betrieben hat. Dadurch lernte er Dinge, von denen er sagt, daß sie eigentlich alle Ethnologen wissen müßten, weil sie immer auf diese Dinge treffen. Egal wo auf der Welt. Wie schon vor Jahrzehnten beim Ethnologen Carlos Castañeda (keine Angst, der hat nichts mit unserem Thema zu tun) waren Möchtegernübersetzer mal wieder nicht in der Lage so simple Dinge wie eine Berufsbezeichnung zu übersetzen. So wollen die Möchtegernübersetzer ständig Anthropologen aus den Ethnologen machen. Das nur, weil angelsächsische Ethnologen sich höchstens durch den Zusatz cultural von ihren Kollegen in der Anthropologie (denen dadurch wiederum ein Zusatz wie historical beigeordnet werden muß) selbst abgrenzen. Vor dem Hintergrund muß man schon fast froh über eine Übersetzung als Kulturanthropologe sein. Schöner wäre es natürlich, wenn Übersetzer wüßten, wovon sie reden. Das wirkt sich immer auch auf die Qualität der Inhalte aus. Wegen der geringen Bezahlung der Übersetzer kann man eigentlich keinen Vorwurf daraus machen, daß die Tätigkeit praktisch ausschließlich von unterqualifizierten Leuten ausgeübt wird. Aber zurück zum Thema. Also David Graeber hat seine ethnologischen Erkenntnisse in vielen Fachartikeln veröffentlicht, vor allem jedoch in zwei Büchern. Die Fachartikel sind bestenfalls noch als Quellen für die beiden Bücher relevant. Zusätzlich hat sich David Graeber die Hilfe von Historikern geholt. Sein Hauptwerk heißt Schulden — die ersten 5000 Jahre. Sein anderes Buch Frei von Herrschaft ist gleichermaßen interessant und wichtig, nur nicht ganz so dick. Es gibt einige Überschneidungen im Inhalt beider Bücher. Trotzdem lohnt es sich beide zu lesen. Sogar noch nach dieser Zusammenfassung.

Die bekannteste These, für die David Graeber steht, ist die, daß Wirtschaftssysteme nicht ohne einigermaßen regelmäßige Schuldenschnitte funktionieren. Darum waren Schuldenschnitte in allen Hochkulturen seit der frühen Antike üblich. Bei den Babyloniern machten sich neue Herrscher bei ihrem Amtsantritt durch den Schuldenschnitt bei ihren Untertanen beliebt. Der biblische Moses schrieb regelmäßig durchzuführende Schuldenschnitte in sein Gesetz. Aber eine Ausnahme gab es schon in der Antike. Eine Kultur, die sich dieser Tradition auf keinen Fall anschließen wollte. Das war das Alte Rom. Obwohl die Alten Römer Gold und Silber als Geld benutzten, standen damals schon den Guthaben höhere Schulden (Tilgung + Zins) gegenüber. Also konnten die Schulden niemals komplett zurückgezahlt werden. Schuldenschnitte gab es trotzdem nicht. Altrömische Schuldner waren gezwungen, ihre Schulden an andere weiterzugeben, also Nachschuldner zu finden. Um das möglich zu machen, war das Alte Rom gezwungen zu expandieren. Das Imperium Romanum mußte sich im gleichen Tempo ausbreiten, in dem seine Wirtschaft wuchs. Weil Rom sich diese Pflicht auferlegte, war es seinen Nachbarn sehr schnell militärisch stark überlegen. So lange Rom weitere Völker überfallen, unterwerfen und schließlich dem Reich einverleiben konnte, funktionierte das altrömische Wirtschaftssystem. Schließlich war das Imperium Romanum so groß, daß es nur noch an Meere, Wüsten, Sümpfe und spärlich besiedelte Urwälder grenzte. Auch die gewagtesten militärischen Expeditionen waren nicht mehr in der Lage, Nachschuldner in ausreichender Anzahl zu finden. Die Schulden sowohl des staatlichen wie auch des privaten Sektors stiegen gewaltig an. Schuldenschnitte waren weiterhin indiskutabel. Gold und Silber konzentrierten sich bei wenigen Reichen. Die Realwirtschaft kam zum erliegen. Die Städter strömten aufs Land, die Bauern subsistierten nur noch, arme Leute versuchten sich ohne Geld gegenseitig auszuhelfen, so gut es ging. Das Mittelalter war angebrochen und das gewaltige Imperium Romanum zerfallen. So kann sich sogar ein riesiges Weltreich mit seiner eigenen Sturheit selbst umbringen. Die gleiche Sturheit, die heute die Europäische Union und die Weltbank an den Tag legen.

Gesellianer und Ökonomen fabulieren nun gerne, daß die Leute im Mittelalter in die Tauschwirtschaft zurückgefallen wären. Selbige soll dann auch schon in der Steinzeit existiert haben. Bei sogenannten primitiven Völkern könne man sie noch beobachten. Nun sind Ethnologen tatsächlich Leute, die sogenannte primitive Völker beobachten, über sie Erkenntnisse sammeln und im besten Fall auch veröffentlichen. Leider nimmt die dann kaum jemand zur Kenntnis. Deswegen ist der plötzliche Ruhm David Graebers ein großer Glücksfall. Endlich können wir alle an der Beobachtung einer solchen Tauschwirtschaft bei den Primitiven teilhaben, jedoch: So eine Tauschwirtschaft existiert schlichtweg nicht! Sie ist völlig frei erfunden und zusammenfabuliert. Weder hat je irgendein Ethnologe oder sonst ein an anderen Kulturen interessierter Forscher eine Tauschwirtschaft beobachten können, noch konnten Historiker jemals irgendwo konkrete Hinweise auf eine solche finden. Die Tauschwirtschaft existierte auch nie. David Graeber war wohl der erste, der nach dem Ursprung der Legende von der Tauschwirtschaft forschte. Die war bald gefunden: Es handelt sich um eine völlig aus der Luft gegriffenen Erfindung von Adam Smith. Der lieferte schon damals keinen einzigen Hinweis darauf, wie, wo, wann oder warum das je stattgefunden haben sollte. Trotzdem fielen alle auf ihn herein. Sogar Silvio Gesell erging es nicht anders. Von Ökonomen darf man sowieso nicht erwarten, daß sie sich um die Realität auch nur im Entferntesten scheren.

Daß es eine richtige Tauschwirtschaft nirgendwo gibt, halte ich für David Graebers wichtigste Erkenntnis. Geldwirtschaft gibt es bei den sogenannt primitiven Völkern übrigens auch nicht. Zwar ist das Muschelgeld mancher primitiver Völker sehr bekannt, trotzdem handelt es sich dabei nicht um Geld dem Sinn, in dem wir und andere Kulturen und Zivilisationen Geld verwenden und verwendeten. Geld ist ein Oberbegriff, unter den durchaus unterschiedliche Dinge und Funktionen gezählt werden. Die nicht genauer zu definieren führt zu den meisten Mißverständnissen in allen Diskussionen über jegliche Wirtschaftsthemen. Das Muschelgeld besteht aus den Gehäusen von Kaurischnecken, aber es werden auch oft Wildschweinzähne verwendet oder fast schon beliebige andere Gegenstände. Das Muschelgeld dient dazu, Leute zu ehren. In unserer Zivilisation würde dem Medaillien und Orden entsprechen. Auch das nur einigermaßen. Getauscht werden Waren nur mit anderen, oft sogar verfeindeten Stämmen. Manchmal werden die Waren extra zu diesem Zweck hergestellt und sind eher Kultgegenstände als wirklich benötigte Dinge. Das Ritual des Tauschens ist Teil eines größeren Rituals, in dem auch viel gefeiert wird und bei dem es bei manchen Völkern auch zum Partnertausch mit Paaren des anderen Stammes kommt (irgendwie muß schließlich auch etwas gegen die Inzuchtgefahr in Stämmen mit wenigen Mitgliedern getan werden). Insgesamt sind solche Rituale friedenserhaltende Maßnahmen, finden nur in langen zeitlichen Abständen statt und können schon deswegen kein Teil des gewöhnlichen Wirtschaftens sein.

Tatsächlich funktioniert das Wirtschaftssystem aller sogenannten primitiven Völker wie folgt: Innerhalb einer Familie wird alles geteilt, andernfalls wäre man schließlich keine Familie. Innerhalb einer Sippe wird alles geteilt, andernfalls wäre man schließlich keine Sippe. Innerhalb eines Stammes wird alles geteilt, andernfalls wäre man schließlich kein Stamm. Unter Freunden wird alles miteinander geteilt, andernfalls wäre man schließlich nicht miteinander befreundet. Eigentum ist immer kollektiv und es gibt nichtmal ein Wort dafür. Tatsächlich hat David Graeber auch noch recherchiert, daß unser moderner Eigentumsbegriff erst um 1800 in England erstmals aufkam. So etwas wie eine Tauschwirtschaft wäre also weder in der Steinzeit noch im Mittelalter jemals irgendwo möglich gewesen. Nichtmal dann, wenn man Adam Smith und sein Werk hätte kennen können. Absolut keine Chance!

Die sich daraus ergebende große Frage, nämlich wieso manche Völker eine Geldwirtschaft entwickelt haben und andere nicht, beantwortet David Graeber gleich auch noch. Bei den primitiven Völkern sind alle Leute gleich. Es gibt dort keine Sklaven und keine Unterdrückung und keine Menschen, die über die anderen Menschen herrschen. Das definiert diese Völker als primitiv. Völker mit einer Geldwirtschaft sind dagegen immer unterteilt in wenige Reiche und viele Arme, die dafür schuften und sich abrackern müssen, daß die Reichen bequem die Füße hochlegen und sich bedienen lassen können. Das ist übrigens auch damit gemeint, wenn man, wie zuletzt Papst Franziskus, Geld als Exkremente des Teufels bezeichnet. Eine derartige Unterteilung in Herren und Sklaven wollen die Primitiven auf keinen Fall haben. Deswegen ist ihr Gesellschaftssystem darauf ausgerichtet, solche Tendenzen garnicht erst aufkommen zu lassen. Das manchen primitiven Völkern eigene, kriegerische Auftreten dient übrigens demselben Zweck. Wenn man solche Freiheit nur dann findet, falls man nur mit einem Lendenschurz bekleidet im Wald lebt, dann bringt man halt dieses Opfer. Aus der Sicht der Primitiven ist es das wert. Leider erscheinen die Verlockungen moderner Technik oft zu stark, wenn sie gegen die Freiheit von Sklaverei abgewogen werden.

Nachdem uns nun bekannt ist, daß auch Silvio Gesell auf die Erfindung des Adam Smith hereingefallen ist, bedeutet das nun, daß er sich geïrrt haben muß? Einerseits waren die Voraussetzungen für seine Theorie nicht ganz richtig, darum müssen sich Fehler konsequent durch seine Schlußfolgerungen hindurchziehen. Andererseits braucht man sich nur mal die Werke Silvio Gesells zu Gemüte zu führen, um rasch festzustellen, daß er tatsächlich ein Genie war. Lediglich dort, wo er von der Tauschwirtschaft ausging, muß man seine Schlußfolgerungen entsprechend korrigieren. Im Laufe seines Lebens hat er schließlich selbst schon erkannt, daß er einen Fehler gemacht hatte als er die Umsetzung seiner Reformen von Regierungsseite forderte. Die nämlich hatte sein Werk (übrigens anders als viele Gesellianer) sehr wohl verstanden! Deswegen war ihr auch klar, daß sie in einem freiwirtschaftlichem System drastisch an Macht verlieren würde. Deswegen war ihr auch klar, daß sie dagegen etwas unternehmen müßte. Deswegen wurde den freiwirtschaftlichen Bestrebungen in der Bevölkerung im Rahmen der Brüningschen Notstandsverordnungen ein Riegel vorgeschoben. Freiwirtschaft wäre ein System, mit dem wir uns den Primitiven in so weit annähern, daß wir frei von Herrschaft, Sklaverei und Unterdrückung leben könnten, aber ohne deswegen auf technische Errungenschaften verzichten zu müssen. Den Mächtigen, den Profiteuren des aktuëllen und menschenverachtenden Systems kann das niemals Recht sein! Darum kann die Freiwirtschaft niemals selbst das Ziel sein, sondern immer nur eine Methode im Kampf gegen Unterdrückung und Sklaverei! Eigentlich eine sehr frustrierende Erkenntnis. Aber eine Erkenntnis, die nicht ignoriert werden darf, sofern man sich ernsthaft für die Verbesserung der heutigen Lebensumstände interessiert.

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