2010/11/22

Was ist eigentlich Freigeld?


Als Freigeld wird Geld bezeichnet, das derart konstruiert ist, daß es nicht für eine sich immer weiter öffnende Schere zwischen Armen und Reichen sorgt. Mit anderen Worten, in einer Freigeld verwendenden Volkswirtschaft ist keine Stagflation möglich. Das wird erreicht, weil Freigeld für einen negativen Urzins sorgt. In einer Volkswirtschaft, in der Freigeld verwendet wird, können Menschen immernoch arm oder wohlhabend oder sogar reich sein. Aber Währungen mit einem positivem Urzins, sogenannte Zwinggelder, führen zwangsläufig dazu, daß wohlhabende und arme Gesellschaftsschichten wie eine sich öffnende Schere immer weiter auseinanderklaffen. In den oberen Gesellschaftsschichten sammelt sich immer mehr Zwinggeld an, so daß die Angehörigen dieser Schichten einer starken Inflation ausgesetzt sind. Gleichzeitig fehlt das Zwinggeld in den unteren Gesellschaftsschichten, so daß die Angehörigen dieser Schichten einer nicht minder starken Deflation ausgesetzt sind. So erzwingt (daher der Name) das Zwinggeld grundverschiedene Verhaltensweisen der beiden Gesellschaftsschichten, während die wirtschaftlichen Kennzahlen Anzeichen beider Verhaltensweisen anzeigen, so daß die Ökonomen den Zustand lediglich als Stagflation zu bezeichnen wissen, aber ihn nicht richtig erklären können.

Ein britischer Wirtschaftshistoriker namens Niall Ferguson schreibt: „Wer der Armut entkommen will, muß ausgiebig und gründlich die Funktionsweise des Finanzwesens studieren. Das gilt für Individuën genauso wie für Staaten und Regierungen.“ Obwohl der Satz von einem Ökonomen kommt, klingt er sehr weise. Will man die Funktionsweise des Finanzwesens tatsächlich verstehen, dann müssen wir als erstes die Funktionsweise des Geldes verstehen. Am besten befragt man dazu nicht einen nur herumspekulierenden Ökonomen, sondern einen Praktiker, aus dessen Erfahrung wir sehr viel lernen können. Da trifft es sich gut, daß ein talentierter Praktiker bereits für über hundert Jahren umfangreiche und leichtverständliche Werke über das Wesen des Geldes verfaßt und veröffentlicht hat. Bei dem Praktiker handelt sich um den Außenhandelskaufmann Silvio Gesell.

Um die Auswirkung des positiven Urzinses zu vermeiden muß der beseitigt oder besser noch durch einen negativen Urzins ersetzt werden. Silvio Gesell erklärte uns bereits, wie man das erreichen könnte. Wie sorgt man für einen negativen Urzins? Das ist ganz leicht möglich, indem man dafür sorgt, daß die Währung als nicht wertvoller, sondern eher sogar weniger wertvoll, als ihr Nominalwert angesehen wird, so daß sie schnell gegen Güter eingetauscht wird. Wer gerade nichts einzukaufen braucht, gibt Darlehen aus. Das kann man sich selbstverständlich immernoch vergüten lassen, so daß man durch die Darlehensausgabe Geld verdienen kann. Aber anders als beim Zwinggeld steigen beim Freigeld die Schulden insgesamt nicht stärker an als die Gesamtsumme der Guthaben (Schulden == Guthaben), was beim Zwinggeld zwingend der Fall (Schulden == Tilgung + Zinsen; Guthaben == Tilgung) ist. Zwinggelder werden deswegen als wertvoller als ihr Nominalwert angesehen, weil der immer gleich bleibt, während die Güter, die man dafür erwerben könnte, nur eine begrenzte Haltbarkeit haben. Einen Gütervorat für zukünftige Bedürfnisse anzulegen würde daher bedeuten, daß man sich wirtschaftlich schlechter stellt, obwohl der nominelle Wert des Vorates exakt dem des dafür ausgegebenen Geldes entsprechen würde. Der Vergleich zwischen dem Geldvorat und dem Gütervorat zeigt auf, daß der Geldvorat effektiv mehr wert ist, obwohl der Nominalwert in beiden Fällen der gleiche ist. Deswegen schlug Silvio Gesell vor, daß der Wert jeder Währungseinheit mit der Zeit absinken sollte, so daß die Währung mit den mit ihr erwerbbaren Gütern gleichzieht. Das Resultat wäre bereits ein Freigeld. Ein Freigeld wäre es natürlich auch, wenn man die gleichen Effekte durch eine andere Konstruktion erreichen könnte. Das wäre jedoch erst noch zu beweisen, während die Konstruktion nach Silvio Gesell ihre Fähigkeiten bereits zu ein paar Gelegenheiten beweisen durfte. Die berühmtesten Fälle sind die in Schwanenkirchen bei Deggendorf kurzfristig verwendete Wära und die Arbeitswertscheine der Gemeinde Wörgl in Österreich, die beide kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ausgegeben wurden und den fast abgewendet hätten.

Silvio Gesell machte noch weitere Vorschläge, die teilweise sogar von unseren Regierungen umgesetzt wurden. Trotz solcher Verdienste (die können wir ein anderes Mal besprechen) gibt es Ökonomen, die Kritik an den Ideen des Silvio Gesell üben, insbesondere am kontinuierlichen Wertverlust des Freigeldes. Sie sagen, daß man den gleichen Effekt durch eine Inflation erreichen könnte, die zudem auch noch leichter zu erreichen sei, weil man das Vertrauen in heutige Währungen dazu nicht zu zerstören bräuchte. Für manche Wirtschaftssubjekte würde freilich gerade eine Inflation das Vertrauen in die Währung zerstören. Trotzdem würde Silvio Gesell den kritischen Ökonomen wahrscheinlich zustimmen. Das selbstverständlich nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dazu müßten die kritischen Ökonomen nur beweisen, daß sie die Inflationsrate für beliebig lange Zeiträume auf dem exakt gleichen Niveau stabil halten können. Die Gefahren einer Hyperinflation oder einer Deflation sind komplett beseitigt. Darüberhinaus müßte die exakt gleiche Inflationsrate selbstverständlich unterschiedslos für alle Gesellschaftsschichten gelten. Deflation ist, wenn man kein Geld hat. Der kritische Ökonom müßte also jegliche Umverteilung von unten nach oben dauerhaft und wirksam unterbinden. Sind alle diese zusätzlichen Bedingungen in seiner Vorstellung einer Inflation nicht enthalten, dann ist die kontinuierliche Wertverminderung der Währung durch Gebühren auf selbige die einzige funktionierende Lösung.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen