2010/09/12

Evolution VII


Beim Menschen wie auch bei allen anderen Säugetieren bestimmen die Geschlechts'chromosomen darüber, ob der Nachwuchs männlich oder weiblich wird. Es gibt zwei Geschlechts'chromosomen bei Säugetieren, X und Y genannt. Das Y-Chromosom wird ausschließlich von Vater zu Sohn vererbt. Jedes Individuum erbt ein X-Chromosom von der Mutter und vom Vater entweder ein Y-Chromosom oder ein X-Chromosom. Ein Individuum mit zwei ererbten X-Chromosomen wird weiblich und ein Individuum mit einem X-Chromosom und einem Y-Chromosom wird männlich. Eigentlich hätte euch das längst von der Schule her bekannt sein sollen. Aber aus den Tatsachen, an die ich euch hier bisher erinnert habe, ergeben sich noch einige Schlußfolgerungen, mit denen Biologen und Mediziner bestens vertraut sind. Es wird Zeit, daß ihr ebenfalls davon erfahrt.

Weil Männer nur ein einziges X-Chromosom haben, können darauf keine Gene liegen, von denen man zwei braucht, um gesund oder auch nur lebensfähig zu sein. Solche Gene liegen nicht auf den Geschlechts'chromosomen, sondern auf den Autosomen, wobei es sich um alle übrigen Chromosomen handelt. Daraus folgt, daß auch eine Frau eigentlich nur ein X-Chromosom braucht. Weil sie aber trotzdem zwei davon hat, wird eines davon nicht benutzt, sondern platzsparend so dicht zusammengepackt, daß man es in manchen Zellen unter einem Lichtmikroskop als sogenanntes Barr-Körperchen sehen kann, daß innerhalb des Zellkernes liegt. Ob es sich dabei um das vom Vater oder von der Mutter ererbte X-Chromosom handelt, ist normalerweise egal. Darum entscheidet sich jede Zelle zufällig für eines der beiden. Darum ist statistisch gesehen in jeder Frau in der Hälfte ihrer Zellen das von der Mutter ererbte und in der anderen Hälfte ihrer Zellen das vom Vater ererbte X-Chromosom aktiv. Ab hier beginnen die wirklich interessanten Schlußfolgerungen. Nehmen wir an, daß auf einem der beiden X-Chromosomen ein Gen defekt ist. Das ist nichts anderes als eine Erbkrankheit, die über das X-Chromosom vererbt wird. In dem Fall ist das defekte Gen jedoch in der Hälfte aller Zellen einer Frau nicht aktiv, sondern durch das intakte Gen aus dem anderen X-Chromosom ersetzt. Sollten die Zellen mit dem defekten Gen nicht lebensfähig sein, dann werden sie sogar zwangsläufig durch andere Zellen ersetzt, in denen das intakte Gen aktiv ist. Daraus folgt, daß die Erbkrankheit bei der betroffenen Frau schwach bis garnicht ausgeprägt ist. Sie wird nicht darunter leiden. Aber sie kann die Erbkrankheit weitervererben und zwar statistisch gesehen in der Hälfte der Fälle (nicht die Hälfte der Fälle der betroffenen Frauen, sondern jeweils die Hälfte ihrer Kinder), weil sie entweder das X-Chromosom ihres Vaters oder das ihrer Mutter weitergibt. Gibt sie die Erbkrankheit jedoch an eine Tochter weiter, dann wird die ebenfalls nicht an der Erbkrankheit leiden und sie wiederum nur an die Hälfte ihrer Kinder weitergeben. Dadurch sterben Erbkrankheiten, die über das X-Chromosom und die mütterliche Linie weitervererbt werden, allmählich aus. Das gilt besonders in Gesellschaften mit kinderarmen Familien.

Andererseits könnte ein defektes X-Chromosom und die damit verbundene Erbkrankheit jedoch auch über die väterliche Linie weitervererbt werden. In dem Fall bleiben die männlichen Nachkommen davon verschont, weil sie von der väterlichen Seite nur ein Y-Chromosom, aber kein X-Chromosom erhalten. An dem Punkt kommen wir zur wichtigsten Schlußfolgerung. Liegt bei einem Paar mit Kinderwunsch eine X-chromosomal vererbte Krankheit vor, dann sollte man sich gut überlegen, welches Geschlecht das Kind haben soll und es wäre gerechtfertigt darauf Einfluß zu nehmen. Lediglich ein Kind, das männlich wäre und das defekte X-Chromosom von der mütterlichen Seite erbte, wäre voll von der Erbkrankheit betroffen. Problematisch wird es nur, falls beide Eltern defekte X-Chromosomen aufweisen. Dann war die Partnerwahl aus evolutiver Sicht suboptimal.

Die Natur weiß natürlich schon viel länger als wir, daß sich Erbkrankheiten auf diese Weise zum verschwinden bringen lassen und daß das nur bei der X-chromosomalen Vererbung funktioniert. Daraus hat sie Konsequenzen gezogen und ein weiteres Resultat der Evolution ist das, daß besonders wichtige Gene, sofern man nicht jeweils zwei davon braucht, auf dem X-Chromosom untergebracht wurden. Daraus wiederum folgt, daß männliche Kinder, die defekte X-Chromosomen erben, oft sehr früh sterben oder noch öfter noch vor ihrer Geburt. Falls sie nach ihrer Geburt noch leben, dann sind sie oft geistig behindert, denn auf dem X-Chromosom liegen viele für die Entwicklung des zentralen Nervensystemes maßgeblichen Gene (und das hat überhauptgarnichts mit Intelligenz zu tun, obwohl das häufig zu genau dem Fehlschluß führt). Das verstärkt noch den Effekt, daß sich defekte Gene aus dem Erbgang eliminieren lassen, indem sie auf dem X-Chromosom untergebracht werden. Das wiederum verstärkt die Tendenz der Evolution, besonders wichtige Gene auf dem X-Chromosom unterzubringen. Wo immer die Natur es einrichten konnte, sind Frauen kaum von Erbkrankheiten betroffen und werden betroffene Männer wegselektioniert. So wie es die von der Natur vorgesehene Aufgabe der Frauen ist, Kinder zu gebären und zu säugen, ist es die eigentliche, von der Natur vorgesehene Aufgabe der Männer für intakte Gene zu sorgen, indem sie den Selektionsdruck aushalten und gegebenfalls rechtzeitig sterben (vielleicht daher der männliche Hang zu kriegerischen oder anderweitig gefährlichen Berufen?), bevor sie in die Versuchung kommen defekte Gene weiterzugeben. Tatsächlich ist es so, daß die meisten Totgeburten und vorherigen Abgänge (bemerkte und unbemerkte) männlichen Geschlechtes sind. In Gegenden mit schlechter medizinischer Versorgung und deswegen hoher Kindersterblichkeit sind die meisten toten Kinder ebenfalls männlich.

Daraus ergibt sich auch noch die Schlußfolgerung, daß eine bessere medizinische Versorgung einerseits hauptsächlich den männlichen Kindern zugute kommt und andererseits zur Erhaltung der schrecklichsten Erbkrankheiten beiträgt. Bei einer naturbelassenen Kindersterblichkeitsrate erreichen viel mehr weibliche als männliche Individuën die Geschlechtsreife. Bei Naturvölkern wurden Raten bis zu zwanzig zu eins (jedoch nur wo es gleichzeitig Tropenkrankheiten gab) beobachtet, aber so unbeeinflußte Naturvölker gibt es heute nicht mehr. Weil so ein Verhältnis trotzdem das ist, an das Menschen viel besser als an heutige Verhältnisse angepaßt sind, erklärt sich daraus die Wertschätzung, die männlicher Nachwuchs in vielen Kulturen erfährt, die Bedeutung des männlichen Nachwuchses in den hinduistischen und in der konfuzianischen Religion, indirekt auch die vielerorts praktizierte Abtreibung weiblichen Nachwuchses und die islamische Regel, daß ein Ehemann vier Ehefrauen haben kann. Die Natur erreichte so ein Geschlechterverhältnis sogar nur, indem sie für eine viel größere Wahrscheinlichkeit sorgte, männlichen Nachwuchs zu zeugen als weiblichen. Auch heute braucht es eigentlich nicht mehr Männer, um für gesunde Gene zu sorgen. Aber sogenannter medizinischer Fortschritt sorgt für mehr Männer. Die Natur versucht gegenzusteuern, aber sie ist nicht schnell genug. Sie konnte in Deutschland das Geschlechterverhältnis bei Geburten seit dem zweiten Weltkrieg lediglich von hundertundsieben männlichen zu hundert weiblichen auf hundertundfünf männliche zu hundert weiblichen ändern. Dadurch gibt es sogar einen Männerüberschuß (bis zu den Altersstufen, in denen dann die längere Lebensdauer der Frauen zum tragen kommt, aber das spielt für die Reproduktion keine Rolle). Den gibt es nicht nur in Deutschland, sondern in allen industrialisierten Ländern. In Gegenden, in denen geschlechtsspezifische Abtreibung praktiziert wird, gibt es bis zu hundertdreißig männliche Geburten auf hundert weibliche. Dadurch und durch (zu einem früheren Zeitpunkt der Weltgeschichte mal notwendigen) polygamen Kulturen kommt es zu einem starkem Frauenmangel, der durch Migrationsbewegungen langsam über den Erdball verteilt wird. Einen so starken Frauenmangel gab es noch nie während der gesamten Weltgeschichte. Die Menschheit ist daran nicht angepaßt. Das ist nicht nur ein Problem der zu kurz gekommenen Männer oder der abgetriebenen Mädchen. Das ist ein Problem, das wirklich alle angeht, weil um Frauen schon oft Kriege geführt wurden. Schon einer der frühesten und berühmtesten Kriege der Geschichte, der Trojanische Krieg, soll um eine Frau geführt worden sein! Etwas gegen die geschlechtsspezifische Abtreibung zu unternehmen sei daher als Minimum aller friedenssichernden Maßnahmen wärmstens empfohlen.

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