2010/08/30

Fron


Der Begriff Fron ist mittlerweile so unbekannt, daß man normalerweise das zusammengesetzte Wort Fronarbeit benutzt, um zu verdeutlichen, was man damit meint. Weil das Wort Arbeit jedoch immer mehr von seiner Bedeutung entfremdet wird (also mißbräuchlich verwendet wird), wird es trotzdem immer schwerer Zusammenhänge, in denen der Begriff auftaucht, zu verstehen. Es tut also not mal den Begriff Fron zu erklären. Fron ist etwas, das klassischerweise zum Feudalismus gehört. Heute trifft man die Fron außerhalb feudalistischer Staaten nicht an und feudalistische Staaten sind selten, aber es gibt sie noch. Myanmar ist so ein feudalistischer Staat. Dort kann man die Fronarbeit bis heute beobachten. Viele Fronarbeiter wurden und werden dort herangezogen, um die Straßen in die neue Hauptstadt zu bauen. Jede Familie der Untertanen muß einen Fronarbeiter stellen, der beim Bau selbst Hand anlegt. Das ist auch schon das Wesen der Fron. Die Führung eines Staates will etwas getan haben und daher verpflichtet sie ihre Untertanen dazu, das zu tun. Genial einfach, oder? Jedoch nicht unproblematisch.

Weil viele Familien in Myanmar nach wie vor von Subsistenzlandwirtschaft leben, brauchen sie jede Hand, die bei der Arbeit mitanfassen kann. Nun kann jedoch niemand gleichzeitig für das Überleben der eigenen Familie und für Bauprojekte des Staates arbeiten. Deswegen suchen die Familien notgedrungen diejenigen Leute für die Fron aus, auf die sie am ehesten verzichten können. Diese Leute sind nicht nur die Schwächsten der Gesellschaft, sondern auch die körperlich und gesundheitlich Schwächsten. Deswegen sterben immer wieder Menschen wegen der und durch die Fron. Genau der Umstand hat andere Staaten dazu veranlaßt, andere Lösungen für den Fall zu finden, daß ein Staat ein Projekt durchgeführt sehen wollte. Die andere Lösung, die dafür gefunden wurde und der sich die meisten Staaten bedienen, war die Besteuerung. Der Staat erhebt Steuern und bezahlt damit Unternehmen oder Beamte dafür, daß die Projekte durchgeführt werden. Die Staatsbürger wurden steuerpflichtig statt fronpflichtig. Ja, tatsächlich sind die fronpflichtigen Bürger des Staates Myanmar bis heute nicht steuerpflichtig!

Aber auch der Staat Myanmar kennt Steuern. Der Staat Myanmar kennt auch eine große Kluft zwischen arm und reich. Reiche Leute können in Myanmar Steuern bezahlen und sich damit von der Fron befreien. Keiner der Angehörigen der Staatsführung leistet Fronarbeit! Genau der Umstand, daß manche Leute Fron leisten müssen während andere sich Steuern leisten und so von der Fron drücken können, sorgt für soziale Spannungen in Myanmar. Natürlich können junge, kräftige Leute mit wenig Geld ein Fronsystem besser finden als ein Steuersystem, denn ihnen käme es entgegen, aber diese Gruppe ist eine Minderheit und die Verpflichtung zur Fron bliebe ihnen auch, wenn sie älter und schwächer werden. So etwas wie eine allgemeine Wehrpflicht ist ein Überbleibsel eines Fronsystems, sogar eines ausgereifteren — schon wegen der Tauglichkeitsgrade — als das in Myanmar gebräuchliche. Die Proteste, die es vor wenigen Jahren in Myanmar gab und von unserer Presse als politisch motiviert hingestellt werden sollte, wurden übrigens dadurch verursacht, daß es einem größeren Personenkreis in Myanmar erlaubt werden sollte, Steuern zu bezahlen und ihre Familien so von der Fron zu befreien, während die Angehörigen ärmerer Familien weiterhin während der Fronarbeit sterben würden. Auch in Myanmar ist es so, daß Menschen desto schlechter behandelt werden, je ärmer sie sind. Je ärmer der Durchschnitt der Fronarbeiter ist, desto schlechter werden die behandelt, desto schwächer werden sie und desto mehr von ihnen sterben während der Fronarbeit. Das motivierte die Leute zu Protesten. Bei uns dagegen soll nicht nur die Wehrpflicht abgeschafft, sondern stattdessen eine neue allgemeine Dienstpflicht, also ein neues Fronsystem, eingeführt werden. Gleichzeitig soll das Steuersystem beibehalten, die Steuern erhöht und ständig neue Steuern eingeführt werden. Wir suchen uns also das Schlechteste aus allen Systemen aus, vereinigen das zu einem neuen System und beuteln unsere eigene Bevölkerung damit.

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