2010/08/11

Astromagie IX


Um die Zukunft vorherzusagen hat nicht jeder die Fähigkeiten einer Krake oder auch nur eine Krake wie den unfehlbaren Paul zur Verfügung. Wenn Astrologen die Zukunft, insbesondere das Schicksal eines Menschen, vorhersagen wollen, dann verwenden sie oft die Formel Schicksal = Charakter + Zeit. Die Formel geht davon aus, daß einem Menschen nichts widerfahren kann, das nicht bereits in seinem Geburtshoroskop angelegt ist. Das Geburtshoroskop gilt für ein ganzes Menschenleben, aber in jedem Moment des Menschenlebens ereignet sich etwas anderes. Darum braucht der Astrologe Methoden, die eine Verbindung zwischen dem einen Zeitpunkt und der ständig laufenden Zeit herstellen. Solche Methoden sind die Progressionen. Die Beziehungen zwischen aktuëllen Gestirnsständen und einem Geburtshoroskop heißen Transite. Die Transite sind die erste und wichtigste Form der Progression, sie sind zugleich die einzigen, über die sich der Zeitpunkt eines bestimmten Ereignisses einigermaßen genau bestimmen läßt. Transite verändern sich mit der tatsächlichen Bewegungsgeschwindigkeit der Himmelskörper, das Geburtshoroskop ändert sich garnicht, alle anderen Progressionen befinden sich zwischen diesen beiden Extremen. Leider ist die Sekundärprogression die einzige weitere Progressionsmethode, unter der so ziemlich alle Astrologen das Gleiche verstehen und zwar schaut man sich die Bewegungen der Gestirnstände, vom Geburtshoroskop an berechnet, über einen Tag an, um Aussagen über ein Jahr zu treffen. Neben Transiten und Sekundärprogressionen sind noch die Tertiärprogressionen wichtig, insbesondere die Methode, bei der man sich einen Tag anschaut, um Aussagen über einen Monat zu treffen. Die übrigen Methoden, die es reichlich gibt, entbehren einer astronomischen Grundlage.

Wer lediglich Astrologie konsumiert, für den mag es nicht besonders wichtig sein, ob anhand von Progressionen und Transiten vorhergesagte Ereignisse tatsächlich eintreffen oder nicht. Aber wollen wir damit Magie betreiben, dann sind die Progressionen und Transite über das eigene Geburtshoroskop entscheidend, denn sie legen zum Beispiel fest, wann der typische Lottogewinner mit seinem Gewinn rechnen darf. Sogar falls man so ein Gewinnerhoroskop hat, nutzt man das am besten zum Zeitpunkt passender Transite aus, weil sonst sogar so ein Gewinnertyp große Verluste machen kann. Eine Elektion, die wir uns passend zu einem Ereignis erstellen, kann durch kurz darauf erfolgende unpassende Transite sabotiert werden. Durch Synastrie angezeigte geeignete Partner trifft man zu den Zeitpunkten, die durch Progressionen und Transite zusammen angezeigt werden. Ein unpassender Transit kann auch die Wirkung einer Relokation in ihr Gegenteil verkehren. Falls man sich auf Vorhersagen mittels astrologischer Methoden nicht verlassen können sollte, dann könnte man sich ebenso wenig auf die Astromagie verlassen. Daraus folgt anscheinend, daß alle Ereignisse der Zukunft bereits vorher feststünden. Daraus schließen manche, daß der menschliche Wille nicht frei sein kann. Umgekehrt schließen andere aus dem freien Willen, daß man die Zukunft auf keinerlei Weise vorhersagen könne und auch der Krake Paul nur unverschämt viel Glück gehabt habe. In der Frage gelangen selten auch nur zwei Menschen zu gleichen Ergebnissen. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb wird die Frage oft diskutiert. Auch wir sollten das tun, weil die Frage für die Astromagie relevant ist.

Falls die Ereignisse der Zukunft bereits alle in der Gegenwart oder sogar seit der Vergangenheit feststünden, dann wäre es völlig unwesentlich, ob man die Zukunft lange vorher kennen kann oder nicht. An den Ereignissen könnte sich nichts mehr ändern. Alle Methoden der Vorhersagen wären völlig ohne Sinn. Wieso gibt es sie dann überhaupt? Wieso gibt es Streit über die Frage der Determiniertheit? Wieso ist dann nicht von vorneherein alles in der Welt perfekt? Vielleicht weil alles nur mechanisch abläuft, aber dann hätte das Leben keinen Sinn. Der Versuch Magie zu betreiben würde jedenfalls nichts nützen.

Falls andererseits Ereignisse völlig zufällig wären oder sich jederzeit noch ändern könnten bis sie tatsächlich eingetreten sind, dann wäre es doch sicher unmöglich sie vorherzusagen? Spätestens ein Freier Wille würde dafür Sorgen, daß sich jedes vorhergesagte Ereignis noch abwenden ließe. Die Vorhersagen hätten einen Sinn, aber sie würden sich nicht durchführen oder sich zumindest nicht von falschen Vorhersagen unterscheiden lassen. Unter anderem wären auch alle astrologischen Methoden sinnlos und wiederum könnten wir auf diese Weise keine Magie betreiben.

Am deutlichsten zeigt sich das Dilemma beim Versuch, Unfälle zu vermeiden. Nur wenn sie bereits vorher feststehen, können wir sie vorhersagen, aber nur wenn sie nicht feststehen, können wir sie vermeiden. Trotzdem muß es funktionieren, falls wir Astromagie betreiben wollen. Was ist der Ausweg aus dem Dilemma? In den Wörtern Astromagie und Astrologie steckt der Teil Astro-. Davon abgeleitet ist das Adjektiv astral. Mit dem werden die Wörter Astralkörper, Astralsphäre, Astralwelt oder Astralebene gebildet. Die Astrologie beschreibt die Vorgänge des Astralen, das ist die Ebene der Seele. Die Astrologie beschreibt nicht die Ereignisse, die sich in der materiëllen Welt ereignen. Darum kann die auch kein Astrologe voraussagen, in dem Punkt haben sogar die Skeptiker recht. Ein Astrologe kann nur seelische Vorgänge vorhersagen. Der ehrliche Astrologe muß das zugeben. Seelische Vorgänge gehen den körperlichen immer voraus, darum können die materiëllen Ereignisse oft trotzdem richtig vorhergesagt werden. Insbesondere bei sehr aktiven Menschen ziehen seelische Vorgänge materiëlle Ereignisse nach sich. Bei anderen spielen sich Reifeprozesse völlig im Verborgenen ab. Trotzdem machen die Menschen Veränderungen durch, die durch Transite und andere Progressionen angezeigt werden. Die Variante ist lediglich weniger aufreibend. Die seelischen Vorgänge sind im Horoskop vorgezeichnet, die Umsetzung ins Materiëlle bleibt dem Horoskopeigner überlassen. Einen Unfall vermeidet man also am besten dadurch, daß man sich überlegt, zu welchen Veränderungen ein Unfall einen verleiten würde, und die dann zum passenden Zeitpunkt ohne Unfall in die Wege leitet. Dadurch ist der Unfall dann nicht nötig und das astromagische Verfahren der Unfallvermeidung funktioniert. Gleiche Überlegungen muß man natürlich auch für alle anderen astromagischen Verfahren machen.