2010/06/24

Hatte Horst Köhler recht?


Man (in dem Fall = die Journaille) wirft dem ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler vor, daß er Unsinn geäußert hätte, der daraufhin als Unsinn bezeichnet wurde, Horst Köhler sich deswegen beleidigt gefühlt hätte und deswegen, nachdem der Vorfall bereits vergessen war, plötzlich von seinem Amt zurückgetreten wäre. Unzweifelhaft ist er zurückgetreten und unzweifelhaft war das unerwartet. Genau so unzweifelhaft war das eine total übertriebene Re(?)aktion. Aber hatte er zuvor wirklich Unsinn erzählt? Hatte er ganz einfach recht?

Er sagte, daß die Bundeswehr auch den Zugang zu Rohstoffen verteidigte, weil das im Interesse des deutschen Staates liege. Daß er das gut fände, war wiederum nur eine (unangemessene) Interpretation durch die Journaille. Schon die Tatsache, daß man den Zugang zu Rohstoffen verteidigen kann, weist deutlich darauf hin, daß der Zugang zu Rohstoffen sogar ganzen Staaten verwehrt werden kann. Kann Deutschland ein Interesse daran haben, daß ihm der Zugang zu Rohstoffen verwehrt wird? Ganz sicher nicht. Keinem Staat kann daran gelegen sein. Daraus folgt, daß der Zugang zu Rohstoffen ganz sicher im Interesse eines jeden Staates liegt, einschließlich des deutschen. Es braucht also nur noch geklärt zu werden, warum sich die Bundeswehr in Afghanistan befindet.

Die eine Möglichkeit ist, daß die Bundeswehr, wie auch andere europäische Armeen, sich tatsächlich zur Sicherung des Zuganges zu Rohstoffen, wenn auch vor allem für Nordamerika und nicht für europäische Staaten, in Afghanistan befindet. Den europäischen Völkern erzählt man jedoch, daß dort Demokratie und Menschenrechte verteidigt würden, während man die Terrorgefahr durch die Taliban abwenden wolle. Die andere Möglichkeit wäre also, daß die Berufslügner ausnahmsweise einmal die Wahrheit sagten. Das wichtigste Ziel dabei sei, daß man dafür sorgen müßte, daß den Taliban auf keinen Fall die pakistanischen Atomwaffen in die Hände fielen. Das ist jedoch in allen Fällen richtig. Wie können wir nun feststellen, ob die Berufslügner dieses Mal, so unwahrscheinlich das auch ist, die Wahrheit sagen oder nicht? Am zuverlässigsten, indem wir uns ansehen, wie man die beiden möglichen Missionen durchführen würde.

Wollte man den Zugang zu Rohstoffen für westliche Staaten sichern, in erster Linie für Nordamerika, dann würde man vor allem China, Indien, den Iran und vielleicht auch, obwohl das selbst mehr als genug Rohstoffe hat, Russland als Konkurrenten ansehen. Daraus folgt, daß man nur nordamerikanische Truppen und deren Verbündete, also vor allem NATO-Truppen, nach Afghanistan entsenden würde.

Wollte man Demokratie und Menschenrechte (übrigens zwei Ideen, die sich fundamental widersprechen) in Afghanistan verteidigen, dann würde man keinesfalls auf die Unterstützung der Russen verzichten, die in Afghanistan, wo sie vor allem gegen die Taliban gekämpft hatten, reichlich Erfahrung gesammelt haben. Russland erlaubt zwar manchmal Überflüge zum Zweck der Versorgung der westlichen Armeen in Afghanistan, aber Russland hat keinen Grund, sich nicht diplomatisch zu geben, weil es über Afghanistan zu beziehende Rohstoffe selbst nicht braucht. Russland versucht zur Zeit vielmehr selbst als demokratischer Rechtstaat angesehen zu werden. Die pakistanische Armee bekämpft die Taliban, um die pakistanischen Atomwaffen vor ihnen zu beschützen. Bisher sind sie erfolgreich. Falls sie dabei Unterstützung bräuchten, dann würden sie am ehesten ihren militärischen Verbündeten, das mächtige China, um Hilfe bitten. Die Chinesen sind bereits aufmarschiert, aber auf der chinesischen Seite der Grenze geblieben. Das ist in der westlichen Hemisphäre deswegen bekannt, weil Indien darauf mit dem Aufmarsch eigener Truppen reagiert hat, die auf der indischen Seite der Grenze geblieben sind. Indien hat die pakistanischen Atomwaffen am meisten zu fürchten. Indien und Pakistan kopieren seit vielen Jahren die Strategie des Kalten Krieges und inspizieren gegenseitig ihre Atomwaffen. Darum hat Indien ein starkes Interesse an einer stabilen pakistanischen Regierung. Sowohl Indien als auch China wären stark genug, um die Taliban auch in Afghanistan zu bekämpfen. Beide hätten ein Interesse daran das zu tun und beide hätten kein Problem damit, das im Namen der Menschenrechte zu tun. Indien und China haben bereits Kriege gegeneinander geführt und es gibt Territorien, die zwischen den beiden Staaten umstritten sind. Daher sind die beiden Staaten möglicherweise nicht daran interessiert, ihre Truppen direkt aufeinandertreffen zu lassen. Beide Seiten sehen Russland als Verbündeten an. Es gibt daher keine klaren Fronten, sondern Kooperationen sind nach allen Seiten möglich. Würden sowohl NATO-Truppen als auch chinesische Truppen als auch indische Truppen als auch russische Truppen in Afghanistan gegen die Taliban aktiv, dann wären die sehr schnell besiegt. Ginge es jedoch trotzdem um die Rohstoffe, dann würden die Truppen der mächtigen Staaten irgendwann aneinandergeraten und ein ausgewachsener Krieg mit hohen Verlusten auf allen Seiten wäre das Ergebnis.

Um Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen, hätte die UNO sowohl indische, als auch chinesische als auch russische als auch die Truppen der NATO nach Afghanistan entsandt. Geht es dort jedoch um die Verteidigung des Zuganges zu Rohstoffen, dann würde man dort nur NATO-Truppen und höchstens noch andere enge Verbündete der Nordamerikaner finden. Ich schließe daraus, daß Horst Köhler einfach recht hatte. Das macht seinen Rücktritt zwar noch merkwürdiger, aber den wird man erst richtig beurteilen können, nachdem bekannt wird, wo der ehemalige Bundespräsident anschließend tätig sein wird.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen