2010/06/25

Das andere Kreuz


Es gab schon mehrere Debatten um das christliche Kreuz. Die letzte Debatte verlief etwas anders als sonst. Im Jahr Zweitausendundneun sollte Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrates der Juden, Peter Steinacker, ehemaliger Präsident der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Fuat Sezgin, ein muslimischer Islamwissenschaftler, und Kardinal Karl Lehmann, katholischer Bischof von Mainz, der hessische Kulturpreis für deren Verdienste um den interreligiösen Dialog vergeben werden. Aber Fuat Sezgin konnte die Ansichten des Salomon Korn hinsichtlich des israëlisch-palästinensischen Konfliktes nicht tolerieren. Darum lehnte Fuat Sezgin die Annahme des Preises ab. Die hessische Politik wollte jedoch nicht, daß der Preis für Verdienste um den interreligiösen Dialog zwar an Juden und Christen, nicht jedoch an Muslime vergeben würde, weil das nicht dem als politisch-korrekt gewünschtem Bild entsprochen hätte. Deswegen suchte man schnell noch nach einem weiteren muslimischen Islamwissenschaftler, den man statt des ursprünglich vorgesehenen Preisträgers nominieren konnte. Man fand so einen in der Person des Navid Kermani. Der machte nämlich auch interreligiösen Dialog, zum Beispiel indem er sich in Zeitungsartikeln zu Themen des Christentums äußerte. So beschrieb er seine Empfindungen beim betrachten der Kreuzigungsdarstellung des Guido Renis: „Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.“ So kann man das und den restlichen Artikel unter http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/warum_hast_du_uns_verlassen__guido_renis_kreuzigung_1.2195409.html nachlesen. Das ist eine eindrucksvolle Bestätigung für jeden auch nur einigermaßen christlich empfindenden Menschen. Man könnte die Aussage nicht nur als großes Lob für einen christlichen Künstler, sondern sogar als Abfall vom islamischen Glauben auffassen, womit Navid Kermani sein Leben riskiert hätte. Das für den interreligiösen Dialog. Trotzdem brachten es der katholische Kardinal und der evangelische Kirchenpräsident noch fertig, sich durch den Artikel so beleidigt zu fühlen, daß sie nicht zusammen mit dessen Autor auf einer Bühne stehen wollten. Kardinal Karl Lehmann warf ihm vor, das Kreuz als Gotteslästerung und Idolatrie bezeichnet zu haben, Peter Steinacker setzte noch einen drauf, indem er behauptete Navid Kermani rücke das Kreuz in die Nähe von Blasphemie und Pornographie. Nachdem die Leute sich so wenig miteinander verstanden, hätten sie nur dem Vorbild des Fuat Sezgin folgen brauchen, dann hätte man andere Christen als deren Ersatzpreisträger nominieren können. Aber hessische Christen können wohl keinen Vorbild folgen, sie verlangen Sonderrechte und bekommen die auch. Laut dem Apostel Paulus ist das Kreuz den Griechen eine Torheit und den Juden ein Ärgernis. Trotzdem hat sich der jüdische Teil der Preisträgerschaft nicht genötigt gesehen, sich zu dem Thema zu äußern. Über Zeitungsartikel wurde verschiedentlich Kritik, vor allem durch Schriftsteller, an den beiden Kirchenmännern geübt, Christen möchte ich die aufgrund ihres nicht besonders christlichen Verhaltens nicht nennen, dann redeten die Nominierten miteinander, der hessische Ministerpräsident entschuldigte sich bei Navid Kermani und die Preisverleihung fand mit einem halbem Jahr Verspätung und ohne Medienecho doch noch statt. Anscheinend konnte man keinen Skandal mehr daraus konstruieren, deswegen war der Ausgang der Angelegenheit für die Massenmedien völlig uninteressant.

Übrigens bedeutet Idolatrie die bildliche Darstellung Gottes. Im Islam ist die verboten, damit niemand auf die Idee kommt, statt des Gottes dessen Bildnis anzubeten. Darum ist es völlig logisch, daß Christen aus islamischer Sicht Idolatrie betreiben. Im Christentum ist es zwar nicht verboten, Gott bildlich darzustellen, aber es ist genau so wenig christlich wie es islamisch wäre, ein Bildnis mit Gott zu verwechseln. Darum ist der Vorwurf seitens des Kirchenmannes völlig unverständlich und im besten Fall merkwürdig. Was ist mit dem anderen Vorwurf, dem das die Darstellung des leidenden Christus (also laut dem Islam lediglich eines Propheten, was die Empfindung bei einem Muslim umso merkwürdiger macht!) Blasphemie sei?

Falls du selbst Christ bist oder auch nur religiöse Gefühle hast, dann dürfte dir die Vorstellung, daß die Darstellung des leidenden Christus eine Blasphemie ist, eigentlich nicht fremd sein. Selbstverständlich ist die Darstellung des leidenden Christus eine Blasphemie! Das ist die ursprünglich christliche Sicht! Hätte es vor tausend Jahren irgendjemand gewagt, Christus an ein Kreuz genagelt darzustellen, dann hätte man den Künstler bereits tags darauf in den Flammen eines großen Scheiterhaufens verbrannt! Über viele Jahrhunderte war den Christen so eine Darstellung eine Ungeheuerlichkeit. Das wäre die übelste Form der Gotteslästerung gewesen, die man sich überhaupt vorstellen konnte. Lediglich in den Kirchen wird das heute nicht mehr verstanden. Das Kreuz ist etwas anderes als das Kruzifix. Das Kreuz ist ein uraltes Symbol, das in sehr vielen Religionen und Kulturen zuhause ist. Das Kruzifix ist das Symbol des Christentums, an dem seit dem Zeitalter des Barock ein leidender Christus prangt. Solche Darstellungen sind nämlich erst seit dem Barock üblich und auch erst seitdem erlaubt. Aber Kirchenmänner wissen so etwas selbstverständlich nicht. Nur der Muslim, der empfindet heute noch so, wie das Christen über viele Jahrhunderte getan haben und eigentlich immernoch tun sollten, denn andernfalls fehlte künstlerischen Werken wie dem des Guido Renis ein ganz wesentliches Element. Wer empfindet wie ein Kirchenmann und nicht wie ein Muslim oder ein Christ, der kann die großen Werke christlicher Künstler überhauptnicht richtig wertschätzen. Kirche und Christentum haben nicht nur schon lange nichts mehr miteinander zu tun, inzwischen vertragen sie sich nichtmal mehr miteinander.

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