2010/02/08

Anglizismen und Pseudoanglizismen


Wahrscheinlich habt ihr auch schon das Wort grillen in einer gänzlich neuen Bedeutung hören und ertragen müssen. Habt ihr es verstanden? Das neue „grillen“ bedeutet jemanden streng prüfen und zwar im Sinn einer Schulprüfung, also um herauszufinden, was jemand weiß oder nicht weiß. Offensichtlich hat das deutsche Wort grillen eine völlig andere Bedeutung und die neue Bedeutung läßt sich auch nicht durch eine Bedeutungsübertragung konstruieren. Das gleiche gilt für das nordamerikanische Wort „to grill“, das aus dem Deutschen übernommen wurde. Woher stammt also die Idee für die neue Form des gegen die deutsche Sprache gerichteten Sprachvandalismus?

Das ist ganz einfach herauszufinden, aber nur falls man Chinesisch versteht. Dort heißt die Prüfung an Schulen und Universitäten kǎo (考). Das chinesische Wort für grillen lautet kǎo (烤). Man spricht die beiden Wörter völlig gleich aus, obwohl man sie unterschiedlich schreibt. Das verführt chinesische Jugendliche zu einer Art Abkürzungsschreibweise wie man sie auch im Französischen und dem angelsächsischen Dialekt des Niederdeutschen kennt. Das ist der Unterschied zwischen Sprachen, die man so schreibt wie man sie spricht, und Sprachen, bei denen man das nicht tut. Eine geringe Prozentzahl der chinesischen Schriftzeichen soll sogar durch diesen Vorgang erst entstanden sein. Ist das neue „grillen“ ein Sinizismus in der deutschen Sprache? Nein, das ist nicht der Fall! Ein Sinizismus wäre ein Hinweis auf mehr Weltoffenheit und hätte daher auch eine gute Seite. Aber eine gute Seite gibt es beim Sprachvandalismus nicht. Sprachvandalen sind niemals weltoffen! Etwas mehr Weltoffenheit gibt es in sich traditionell als Einwanderungsländern verstehenden Staaten. So gelangte der Sinizismus „to grill“ in der Bedeutung jemanden prüfen in das nordamerikanische Platt(deutsche).

Deutsche Sprachvandalen halten scheinbar ständig Ausschau nach neuen Möglichkeiten die deutsche (von althochdeutsch „teodisc“: Sprache des Volkes, allgemein verständlich) Sprache weniger verständlich und dadurch weniger brauchbar zu machen. Eines Tages bekamen instutitionalisierte (das heißt hier in Medienanstalten organisierte) Sprachvandalen mit wie nordamerikanische Zulieferer (denn eigene Inhalte gibt es in der deutschsprachigen Medienindustrie schon lange nicht mehr) den Ausdruck „to grill“ in der Bedeutung jemanden streng prüfen verwendeten. Sie hielten den Ausdruck für einen neuen Anglizismus und fingen sofort damit an, den vermeintlich neuen Ausdruck und Pseudoanglizismus in der deutschen Sprache zu verbreiten.

Wir müssen nochmal ausdrücklich festhalten, daß es sich bei dem neuen „grillen“ weder um eine Bedeutungsübertragung, noch um einen irgendwie nützlichen fremdsprachlichen Ausdruck, noch um eine auch noch so geringes Anzeichen von Weltoffenheit handelt, sondern der Ausdruck einzig und allein deswegen durch die deutsche Sprachlandschaft getrieben wird, weil manche ihn, und das auch noch fälschlicherweise (!), für einen Anglizismus hielten und halten. Das erscheint euch als Motiv nicht sehr motivierend? Natürlich ist das für intelligente Menschen schwer nachzuvollziehen, aber intelligente Menschen betätigen sich auch nicht als Sprachvandalen. Sprachvandalen wissen einfach aus Erfahrung, daß sich Anglizismen immer eignen, um die Ausdrucksfähigkeit einer Sprache stark zu beschneiden und ihr so nicht wieder auszugleichenden Schaden zuzufügen.

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