2010/01/26

Was braucht Haïti?


Was braucht Haïti? Obwohl es zynisch klingt, Haïti braucht mehr Erdbeben! Andere Naturkatastrophen tun es auch, lediglich Dürren erbringen nicht den für Haïti vorteilhaften Effekt. Bei dem Effekt handelt es sich um die Aufmerksamkeit sämtlicher Massenmedien. Nur durch diese Aufmerksamkeit wird den Haïtianern geholfen. Obwohl es zynisch klingt, ist es lange nicht so zynisch wie die Behauptung, daß die Haïtianer ohne die Naturkatastrophen keine solche Hilfen bräuchten. Die Haïtianer mögen zwar sehr unter den Naturkatastrophen leiden, aber während der Zeiten, in denen die Massenmedien nicht nach Haïti blicken und Haïti komplett aus dem Bewußtsein der Medienkonsumenten verschwunden ist, leiden die Haïtianer in keineswegs geringerem Ausmaß. Schon vor dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 mußten die Haïtianer in großer Zahl verhungern. Die selben Leute, die sich nach Naturkatastrophen vor Aktivität überschlagen, hielten es davor nie für nötig, daß irgendjemand einen Finger krümme um den Haïtianern zu helfen.

Zu recht fragt ihr nun, was man davor für die Haïtianer hätte tun können. Dazu müssen wir uns zunächst die Ursachen der unerträglichen Armut der Haïtianer ansehen. Nordamerika und Europa pflegen kaum Handelsbeziehungen mit Haïti. Nordamerika und Europa beziehen fast alle Güter aus China und Viëtnam. Dadurch ist China als die Werkbank der Welt bekannt geworden. Der Grund dafür war, daß den Chinesen ihre Arbeitsleistung weit unter Wert bezahlt wurde. Inzwischen achten mehr Firmen auf die Einhaltung sozialer Standards bei ihren Zulieferern. Das geschieht sowohl aufgrund einer strikteren Gesetzgebung in China als auch auf den Druck der eigenen Kunden hin. Die Zulieferer weichen dem Druck inzwischen durch Verlagerung in südostasiatische Länder aus, Produktionsverlagerungen nach Indien, Indonesien und in afrikanische Länder werden vorbereitet. Haïti betrifft das zwar (noch) nicht, aber so wie China zumindest bis vor kurzem noch die Werkbank der Welt war, so ist Haïti die Werkbank der Karibik. Nirgendwo sonst in der Karibik wird Arbeit so gering entlohnt wie in Haïti. Deswegen versorgt Haïti beispielsweise alle karibischen Länder mit Textilien. Die haïtianischen Arbeiter können von ihrem Lohn jedoch nicht leben, es ist ein Hungerlohn im wahrsten Sinne des Wortes.

Warum erlebt Haïti nicht ebenso einen Aufschwung wie China in den letzten Jahren? Das ist ganz einfach. Europäische und nordamerikanische Verbraucher wollen nicht, daß ihre Güter unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden, weil das einen Konkurrenzdruck auf die europäischen und nordamerikanischen Löhne erzeugen würde und Europäer und Nordamerikaner sich dessen bewußt sind. Deswegen machen sie Druck für die Erhöhung der sozialen und ökologischen Standards in den asiatischen Ländern. Selbstverständlich gälte das auch für Haïti, wenn Europa und Nordamerika intensive Handelsbeziehungen hätten. Dafür bräuchte man nur auf den heute allgegenwärtigen Protektionismus zu verzichten, dann würden solche Handelsbeziehungen von selbst entstehen. Daß Wandel durch Handel sehr gut funktioniert, kann man auch daran feststellen, daß Korruption, Zensur und Rechtsbeugungen in Europa immer chinesischere Ausmaße annehmen. Bei Handelsbeziehungen mit Haïti wäre trotzdem keine Haïtianisierung zu erwarten, weil in dem Fall das haïtianische Volk das viel kleinere wäre. Jetzt für Haïti zu spenden wäre (obwohl es in der momentanen Situation selbstverständlich notwendig ist) auf jeden Fall sehr verlogen, falls man sonst für Protektionismus eintritt. Würde man dagegen endlich komplett auf Protektionismus verzichten, dann hätte Haïti garkeine Spenden mehr nötig, sondern könnte sich bei jeder Katastrophe selbst helfen.