2009/11/01

Das Schürcher-Ebner-Experiment


Habt ihr schon von den Behauptungen gehört, daß sich ausgestorbene Arten durch die Anwendung elektrischer Felder auf heutige biologische Arten rückzüchten ließen? Solche und ähnliche Gerüchte geistern durch das Netz und um die Welt, seit im Verlag für unterdrücktes Wissen, dessen Angebot seit Jahren immer seichter wird, ein Fragezeichenbuch über ein biologisches Experiment erschienen ist. Ihr wollt zunächst mal wissen, was ein Fragezeichenbuch ist? Die Frage müssen wir tatsächlich klären. Fragezeichenbücher kennen alle unter euch, die sich irgendwann mal für ein Thema interessiert haben, das abseits der täglichen Beduselung durch öffentlich-rechtliche Fernsehsender liegt, egal ob es sich dabei um die ältesten Phänomene der Architektur oder die neuesten Phänomene der Wirtschaft handelt, egal ob es um das Innerste der Erde oder den äußersten Weltraum geht. In Internetforen ist es üblich, daß man Aussagen belegen und Schlußfolgerungen begründen muß, sofern man nicht als Störenfried wahrgenommen werden will. Man merkt dem Internet dabei noch seinen Ursprung als Netzwerk zwischen Universitäten an. Wer nicht willens oder dazu in der Lage ist, sich dem Niveau der Diskussionen anzuschließen, kann sich lediglich darauf beschränken, Fragen zu stellen. Fragen dienen normalerweise dazu, etwas dazuzulernen. Störenfriede verpacken abstruse Theoriën gerne in Fragesätze, um sich nach Hinweisen auf ihr unangebrachtes Verhalten mit dem Satz „man wird wohl noch fragen dürfen“ verteidigen zu können. Während Störenfriede in Internetforen mit der Masche selten durchkommen, funktioniert sie im Markt für populärwissenschaftliche Literatur leider noch sehr gut. Dort werden Bücher geschrieben, die keinerlei Begründungen, Belege, Indiziën, Beweise oder auch nur genaue Angaben für den Zweck weiterer Recherchen enthalten. Dafür enthalten sie Unmengen an Fragesätzen. Man kann beobachten, daß oft die Mehrheit der Sätze in solchen Büchern Fragesätze sind. Desweiteren läßt sich beobachten, daß die Qualität eines Buches und der darin vorgetragenen Theoriën umso minderwertiger ist, je höher der Anteil an Fragesätzen an allen Sätzen des Buches ist. Solche Bücher heißen Fragezeichenbücher. Es gibt eine Vielzahl an Methoden, um die Qualität eines Buches vor dessen Kauf beurteilen zu können. Am wichtigsten sind Rezensionen. Die besten Rezensionen sind die durch frühere Käufer des Buches. Dafür müssen aber zuërst Käufer auf das Buch hereingefallen sein, bevor sie andere warnen können. Es sollte zu den Pflichtangaben beim Verkauf eines Buches zählen, wieviele Satzzeichen es enthält und wieviele davon Fragezeichen sind. Das wäre ein sehr wichtiges Instrument, um die Qualität eines jeden Buches zu beurteilen. Mein Verfasser ist bereits auf sehr viele Fragezeichenbücher hereingefallen und weiß daher ganz genau wovon er redet.

Nun, ein populärwissenschaftliches Fragezeichenbuch verbreitet seit ein paar Jahren die seltsame These, daß elektrische Felder bewirken könnten, daß aus heutigen biologischen Arten eigentlich bereits ausgestorbene werden. Die These ist unter dem Namen Urzeitcode bekannt. Zwar hat man manchmal den Eindruck, daß sich manche Mitmenschen ständig zurückentwickeln, aber das beschränkt sich nicht auf die Gebiete, auf die zugleich elektrische Felder einwirken. Die These ist selbstverständlich völlig blödsinnig. Hätten elektrische Felder so einen Effekt, dann würden die biologischen Arten in den Industrieländern längst einen völlig anderen Entwicklungswege nehmen als die biologischen Arten in den Entwicklungsländern. Es ist offensichtlich, daß die um die Welt laufenden Gerüchte nur Unsinn sind.

Hat der Autor des Fragezeichenbuches seine Theorie nur frei erfunden? Leider gottseidank ist es doch nicht so einfach. Was der Autor auf seine unbeholfene Weise der Welt näherzubringen versuchte, ist das Schürcher-Ebner-Experiment. Über das Schürcher-Ebner-Experiment ist nur sehr wenig bekannt, daher kann man darüber so gut wie nichts mitteilen, schon garnichts fundiertes. Man kann allenfalls sagen, daß es stattgefunden hat. Beziehungsweise, daß es nicht stattgefunden hat. Das Experiment war nämlich streng geheim. Das ist ja gerade die Crux damit. Im Bereich der biotechnologischen und pharmazeutischen Unternehmen gab es in der letzten Zeit so viele Unternehmensübernahmen, daß kaum noch jemand durchblickt. Eines der Unternehmen aus denen sich später der Konzern Ciba-Geigy bildete, der inzwischen längst in anderen Konzernen aufgegangen ist, beschäftigte zwei Doktoren der Naturwissenschaften, die Schürcher und Ebner hießen. Das Unternehmen stritt immer ab, daß die beiden ein geheimes Experiment durchführten, dessen Ergebnisse zurückgehalten, unterdrückt oder vernichtet wurden. Kurz nachdem erste Berichte über das Experiment auftauchten und die damals noch tatsächlich existierenden Journalisten zu weiteren Nachforschungen veranlaßten, starb einer der beiden Wissenschaftler unerwartet bei einem Autounfall. Der andere Wissenschaftler bestreitet genau wie seine Vorgesetzten, daß jemals so ein Experiment stattgefunden habe. Verschwörungstheoretiker behaupten selbstverständlich seit dem Autounfall, daß der Wissenschaftler lediglich verstanden hätte, warum es wirklich zum Tod seines Kollegen kam und deswegen schwiege. Selten sind Verschwörungstheoriën abwegig, aber beweisbar sind sie auch nicht. Es sei denn es würde aufgedeckt, daß das Experiment doch stattgefunden hätte, was selbstverständlich unmöglich ist, wenn es nicht stattgefunden hat.

Woher weiß der Rest der Welt von einem Experiment, daß entweder nie stattgefunden hat oder so geheim war und ist, daß niemand von dessen stattfinden Kenntnis erlangt haben sollte? Das Schürcher-Ebner-Experiment fand wahrscheinlich Ende der neunzehnhundertundsiebziger Jahre (nicht) statt. Anfang der neunzehnhundertachtziger Jahre gab es außer investigativen Journalisten noch eine Personengruppe, die es heute nicht mehr gibt, obwohl sich deren Name für ein paar Möchtegerne erhalten hat. Es handelt sich um die Hacker. Hacker gab es nur noch für eine kurze Zeit, nachdem die Klickibunti-Welt des weltweiten Netzes eingeführt wurde. Hacker nutzten noch die Möglichkeiten des echten Internetes, die heute fast nur noch von historischem Interesse sind. Deswegen sind Hacker heute auch keine Informationsquelle mehr. Früher hatten sie nicht nur unglaubliche Fähigkeiten, sondern folgten auch noch einem Ehrencodex. Beides machte sie zu erstklassigen Informanten. Andererseits wurden sie als Gefahr wahrgenommen, weil außer den Universitäten, an denen das Internet entwickelt und weiterentwickelt wurde, nur das Militär und die größten forschenden Unternehmen hingen, deren größte und bedrohlichste Geheimnisse durch Hacker hätten bekannt werden können. Aus der Zeit stammen noch alle Gesetze, die sich gegen Hacker oder allgemein das „Eindringen“ in fremde Computer richten. Obwohl damals natürlich kaum irgendein Hacker verfolgt oder gar juristisch belangt wurde, denn die damals erst aufkeimende Branche der Informationstechnologie wollte sich nicht selbst ihrer fähigsten Köpfe berauben. Anfang der neunzehnhundertundachtziger Jahre schnüffelten also ein paar Hacker in den Dateien der großen Computer bei Ciba-Geigy herum und entdeckten angeblich ein geheimes Experiment und dessen unterdrückte Ergebnisse oder was sie dafür hielten. Das Wissen darüber verbreitete sich von einer Hackergruppe zur nächsten. Aber das Schürcher-Ebner-Experiment, so es denn überhaupt stattgefunden hat, war ein naturwissenschaftliches Experiment und die Hacker waren Spezialisten auf einem völlig anderem Fachgebiet. So hat die einzige und auch nur im Verborgenen zugängliche Informationsquelle selbst nicht unbedingt verstanden, worum es bei dem Experiment ging und wie dessen Ergebnisse zu interpretieren gewesen wären.

Weil man so wenig über das Schürcher-Ebner-Experiment weiß, ist es nicht verwunderlich, daß es niemals erfolgreich wiederholt werden konnte und auch niemand sonst eine Art Urzeitcode davon unabhängig entdecken konnte. Es gab auch einmal Fernsehreporter, die mit der Urzeitcode-These an Universitäten hausieren gingen und bei den Biologen, die sie um deren Meinung dazu baten, Lachanfälle auslösten. Da die Fernsehreporter den Biologen jedoch mit der Urzeitcode-These kamen und nicht mit den spärlichen Informationen, die sich bis heute über das Schürcher-Ebner-Experiment erhalten haben, war die Reaktion der Biologen kein bißchen überraschend. Daß jedoch auch niemand unter ihnen die Fernsehreporter über den Ursprung der Urzeitcode-These in den Gerüchten über das Schürcher-Ebner-Experiment aufklären konnte, zeigt dagegen den Zustand der heutigen Universitäten, der sich nur noch als sehr traurig charakterisieren läßt.

Falls das Schürcher-Ebner-Experiment überhaupt stattgefunden haben sollte, was wurde dann dabei gemacht? Naturwissenschaftler definieren den Begriff Experiment gern als Frage an die Natur. Was haben Schürcher und Ebner die Natur gefragt und was hat die Natur geantwortet? Das Experiment hätte in einer Zeit stattgefunden, in der die Desoxyribonukleïnsäure als Träger der Erbinformationen gerade erst entdeckt worden war. Kaum das die Druckertinte, die von dieser Entdeckung kündete, getrocknet war, waren auch schon Begehrlichkeiten geweckt, die Erbinformationen der unterschiedlichsten biologischen Arten manipulieren zu können. Besonders solche Unternehmen wie das, für das Schürcher und Ebner arbeiteten, hegten solche Begehrlichkeiten.

Inzwischen gehört es zum Grundwissen aller Biologen, daß man Bakterien dazu bringen kann, fremdes Erbmaterial aufzunehmen, indem man die Bakterien elektrischen Entladungen aussetzt. Das macht man mit einer großen Anzahl genetisch gleicher Bakterien und deswegen stört es dabei nicht, daß ein sehr großer Anteil der Bakterien bei der Prozedur durch die elektrischen Entladungen stirbt. Anschließend braucht man nur noch die Bakterien herauszusuchen, die das fremde Erbmaterial aufgenommen und die Prozedur trotzdem überlebt haben. Biologen bezeichnen die Prozedur als Transformation (manchmal auch als Transformation im engeren Sinn, weil im weiteren Sinn manchmal jede durch Menschen herbeigeführte Genveränderung als Transformation bezeichnet wird).

Das war nur eine der Methoden, die Biologen kurz nach der Entdeckung der Desoxyribonukleïnsäure entdeckten und erlernten. Deswegen ist es nicht weiter verwunderlich, daß biotechnologische Unternehmen auch andere biologische Arten mit unterschiedlichen Formen der Elektrizität traktierten, um festzustellen, ob sie damit nicht ähnliche Effekte wie bei den Bakterien erzielen konnten. Wirkungen erhoffte man sich nur auf Eier oder Saatgut, so daß deren Behandlung von besonderem Interesse war. Man kann sich leicht vorstellen, daß das Schürcher-Ebner-Experiment aus solchen Gründen durchgeführt wurde, sofern es überhaupt jemals durchgeführt wurde. Nach der Interpretation der damaligen Hacker, durch die überhaupterst etwas Information aus dem Unternehmen sickerte, hätte die Natur den Wissenschaftlern dann geantwortet, daß sich die Erbinformation auch ohne fremdes Erbmaterial, nur durch die Anwendung elektrischer Felder, manipulieren ließe. Von einer Rückentwicklung, gar noch hin zu früheren Stufen der Phylogenese, konnte dabei jedoch nie die Rede sein und das behauptete damals konsequenterweise noch niemand. Das wird erst seit dem Erscheinen des Fragezeichenbuches über den Urzeitcode behauptet.

Über das Schürcher-Ebner-Experiment ist lediglich bekannt, daß es mit Eiern, Saatgut und elektrischen Feldern zu tun hatte, daß es Hoffnungen auf gigantische Ernteerträge bis hin zu einer Verfünffachung aufgrund eines Riesenwuchses von Pflanzen und Tieren machte und daß es vielleicht nie stattgefunden hat. Alles andere ist Spekulation!

Der Riesenwuchs der Pflanzen und Tiere wurde mit den riesigen Formen der Pflanzen und Tiere aus der Dinosaurierzeit verglichen, die tatsächlich sehr groß waren. Daher dürfte das Mißverständnis rühren, daß die Pflanzen und Tiere sich zu den Formen zurückentwickelten. Das wurde weder beobachtet, noch wäre es erklärbar. Ein Einfluß elektrischer Felder auf die Desoxyribonukleïnsäure, deren Eigenschaft als elektrischer Halbleiter inzwischen erkannt wurde, wäre dagegen plausibel, vor allem weil es viele elektrische Effekte in biologischen Körpern gibt. Zum Beispiel sind Knochen piëzoëlektrisch, wie seit ebenfalls den neunzehnhundertundsiebziger Jahren nicht mehr bezweifelt werden kann. Welchen Einfluß man mit welchen elektrischen Feldern auf welche Gene ausüben kann, ist jedoch noch vollständig eine Sache der Spekulation.

Mehr Forschung könnte da Abhilfe schaffen, aber gerade solche Verschwörungstheoriën wie die von einem mysteriösem Urzeitcode sorgen dafür, daß Wissenschaftler einen großen Gesichtsverlust befürchten müssen, falls sie sich mit dem Thema beschäftigen. Dadurch wird seriöse Forschung auf dem Gebiet ernstlich behindert. Unternehmen, die Schürchers und Ebners möglicher und damals unfreiwilliger Methode der Ertragssteigerung auf die Spur kommen wollen, können entsprechende Experimente nur noch im Geheimen durchführen.

P(ost)S(criptum): Da man inzwischen für die Therapie verletzter Sportler gepulste Magnetfelder einsetzt (vor allem bei 10 Hz und 2 mGauß im Fall von Knochenbrüchen), dürfte der Einsatz gepulster Magnetfelder am erfolgversprechendsten sein, falls man meint das Experiment ohne große Forschungseinrichtung nachbauen zu können.

1 Kommentar:

  1. Ich bin das Experiment am nachbauen!

    We will see!

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