2009/09/03

Matriarchat


In letzter Zeit gewinnt die Idee eines neuen Matriarchates immer mehr Anhänger und zwar nicht nur Anhängerinnen. Den größten Teil der Faszination dürfte die Idee des Matriarchates daraus gewinnen, daß die meisten ihrer Anhänger(innen) überhauptkeine Vorstellung davon haben, wie ein Matriarchat wirklich aussieht.

Sehen wir uns deswegen das Beispiel der matriarchalisch lebenden Minangkabao in Indonesien an. Obwohl es zahlreiche andere matriarchalische Gesellschaften gibt, ist die Gesellschaft der Minangkabao am besten erforscht und von allen Seiten als Matriarchat anerkannt. Es ist nämlich so, daß manche Gesellschaftsformen nur von einigen Leuten als Matriarchate betrachtet werden, während andere das nicht wahrhaben wollen. Aber die Minangkabao leben eindeutig in einem Matriarchat und was das dort bedeutet ist auch bestens bekannt.

Die Minangkabao kennen das Recht auf Eigentum, jedoch gilt das nur für die Frauen. Männer können bei den Minangkabao kein Eigentum erwerben. Alles wird immer nur von der Mutter auf die Tochter vererbt. Da die Männer der Minangkabao weder Wohneigentum noch Geld um Mieten zu bezahlen ihr eigen nennen können, müssen sie immer im Haus einer Frau wohnen. Selbstverständlich hat nur die Frau das Hausrecht. Dadurch sind Männer völlig von den Frauen abhängig. Trotzdem wird alle Arbeit von den Frauen verrichtet. Das gilt nicht nur für die Arbeit im Haus, sondern auch für die Arbeit auf den Feldern, Vorbereitungen für Festtage oder was sonst noch anfallen könnte. Das ist die logische Konsequenz daraus, daß Männer kein Eigentum haben können. Wozu sollte man irgendetwas erwirtschaften, daß dann sowieso automatisch jemand anderem gehört? Würde ein männlicher Minangkabao irgendetwas durch eigene Leistungen erwirtschaften, dann fiele das Eigentum daran automatisch einer Frau zu, ohne daß die irgendetwas dafür tun müßte. Darum ist es für die Männer der Minangkabao selbstverständlich, daß sie nicht arbeiten. Stattdessen verbringen sie ihre Zeit hauptsächlich mit spielen. Sie sind große Kinder, so wie alle Männer das gerne wären. Am meisten profitieren davon die Kinder, weil die Männer sehr viel Zeit für die Kinder haben und immer zur Verfügung stehen, um deren immateriëllen Bedürfnisse zu erfüllen. Da die Männer keinerlei Eigentum haben, können sie die materiëllen Bedürfnisse der Kinder natürlich nicht erfüllen. Das wiederum führt dazu, daß die Männer der Minangkabao keine Unterhaltsverpflichtungen fürchten müssen und es ihnen daher nicht besonders wichtig ist, wer wessen Kind ist. Dadurch haben die Minangkabao Eifersucht praktisch abgeschafft. Normalerweise weiß ein Minangkabao überhauptnicht, wer sein Vater ist. Der männliche Minangkabao weiß auch nicht, welche Kinder seine sind. Das wird manchmal so beschrieben, daß die Minangkabao Vaterschaft nicht kennen, aber selbstverständlich konnten Menschen, die sich einbildeten zivilisiert zu sein, nicht widerstehen auch allen Naturvölkern die biologischen Grundlagen der Vaterschaft zu erklären. Trotzdem kennen die Minangkabao die soziale Komponente der Vaterschaft nicht, weil ihr System bis heute sehr gut funktioniert. Die Kinder der Minangkabao reden jeden männlichen Erwachsenen als Vater an.

Die Frauen der Minangkabao suchen sich die Männer aus, die bei ihnen leben und die die biologischen Väter ihrer Kinder werden. Anders als in patriarchalen Strukturen kann sich die Frau jedoch nicht den wohlhabendsten Versorger für sie und ihre Kinder aussuchen, weil die Männer der Minangkabao alle gleichermaßen mittellos sind. Deswegen muß jeder männliche Erwachsene sich auf einer Reise bewähren, auf der er zeigen kann, daß er in der Lage ist, alleine in der freien Natur zu überleben. Die Minangkabao haben dabei das Glück, daß Indonesien noch viel freie Natur zu bieten hat und die Minangkabao in einem solchem Gebiet leben. Die Reise endet normalerweise damit, daß der männliche Minangkabao durch eine Frau eines anderen Dorfes erwählt wird, in deren Haus er dann leben wird. Dadurch haben die Minangkabao zugleich ein System der Inzestvermeidung geschaffen, das dem der europäischen Gesellschaften, zumindest der vorangegangenen Jahrhunderte, weit überlegen ist. Die Reise der männlichen Erwachsenen der Minangkabao ist eine Art Mannesprüfung. Das funktioniert natürlich nur, weil die Reise in dem Gebiet auch heute noch gefährlich ist. Heute wahrscheinlich noch mehr als zu den Zeiten als die Minangkabao noch unter sich waren, denn man weiß nie, wem man begegnet. Deswegen verbringen die männlichen Jugendlichen der Minangkabao sehr viel Zeit damit, sich auf ihre Reise vorzubereiten. Eine der wichtigsten Vorbereitungen auf die Reise und Mannesprüfung ist das Erlernen einer Kulturtechnik namens Silektu. Das ist eine der effektivsten Kampfkünste die die Welt kennt. Sie bietet noch Auswege aus den aussichtslosesten Lagen und hat viele andere indonesische Kampftechniken beeinflußt. Matriarchate gelten vielen ihrer Anhänger als die friedlichsten Kulturformen die es gibt und manchen auch als gleichberechtigte. Eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern gibt es in Matriarchaten garantiert nicht, aber zumindest nach außen hin friedlich sind Gesellschaften wie die Minangkabao gerade deswegen, weil die Männer dort fast alle fähige Kämpfer sind und es gerade deswegen nicht nötig haben, sich ständig durch Kriegsakte Bestätigung zu suchen. Sie haben sich auf einer Reise, die den Zweck der Mannesprüfung mancher anderer Kulturen erfüllt, bereits bewiesen und mehr ist nicht nötig. Den Rest ihrer Lebenszeit verbringen sie damit, die immateriëllen Bedürfnisse der Frauen und der Kinder zu erfüllen.

Frauen, die hauptsächlich oder ausschließlich davon leben möchten, einen männlichen Versorger zu parasitieren und ihm eventuëll auch noch fremde Kinder unterzuschieben, können sich in einem Matriarchat überhaupt nicht wohlfühlen. Schon wegen des unterschiedlichen rechtlichen Status der beiden Geschlechter in einem Matriarchat bleibt jegliche Arbeit an den Frauen hängen. Männern bietet ein Matriarchat wie bei den Minangkabao ein ganz angenehmes Leben, sofern sie ihre Mannesprüfung bestehen. Das kleine Hindernis besteht jedoch in allen Stammesgesellschaften und ist nur ein kleiner Preis für die Annehmlichkeiten, die die Gesellschaftsordnung der Minangkabao bietet. Je besser Männer verstehen, was Matriarchat wirklich bedeutet, desto mehr Anhänger gewinnt die Idee des Matriarchates unter den Männern.

Die Anhängerinnen des Matriarchates in den zivilisierten Gesellschaften verstehen wahrscheinlich nicht, was Matriarchat wirklich bedeutet, sonst gäbe es weniger Anhängerinnen. Andererseits sind die Frauen der Minangkabao mit ihrem System nicht unglücklich, denn die Entscheidung das System aufzugeben und das anderer ihnen bekannter Gesellschaften zu übernehmen, liegt alleine bei den Frauen. Heute bekennen sich die Minangkabao zum Islam und trotzdem haben sie ihr Matriarchat beibehalten. Es ist anscheinend ein sehr gutes System für eine Gesellschaft.

Weil das Matriarchat so gut funktioniert, ist es nicht überraschend auch in vielen anderen Teilen der Welt auf Matriarchate treffen zu können. Offiziëll werden dazu die Naxi in China und die Ainu in Japan, die beide die Besuchsehe haben, sowie Naturvölker im Amazonasgebiet, in Mexiko, im Himālaya und in Afrika gezählt. Die Gesellschaft der Mosuo in China ist der der indonesischen Minangkabao sehr ähnlich. Reste matriarchaler Strukturen lassen sich auch in anderen Gesellschaften finden. Dazu zählen auch die Gesellschaften Europas, in denen die meisten Entscheidungen durch Frauen getroffen werden. Zum Beispiel weiß jeder Ökonom, daß Kaufentscheidungen in Europa fast immer durch Frauen getroffen werden, sogar dann falls es eigentlich deren Ehemänner sind, die etwas kaufen wollen. Das chinesische Schriftzeichen 姓 gilt Sinologen als Beweis dafür, daß auch das antike China matriarchalisch organisiert war, denn so schreibt sich das chinesische Wort Xìng, das Familienname bedeutet und es setzt sich zusammen aus den Bestandteilen Frau (女) und Geburt (生). Streng genommen ist es nur ein Beweis für die Matrilinearität, also des Umstandes, daß Kinder die Familiennamen ihrer Mütter übernahmen. Die Matrilinearität ist jedoch wiederum sehr typisch für Matriarchate.

Da die Reste des Matriarchates in den meisten Gesellschaften der Welt sehr offensichtlich sind und im heutigen Europa verbreitete Probleme wie Unterhaltsstreitigkeiten bei den Minangkabao und anderen verbliebenen Matriarchaten völlig unbekannt sind, stellt sich die Frage, wieso Matriarchate überhaupt abgeschafft wurden. Sicher ist nur, daß die Entscheidung darüber bei den Frauen gelegen hat. Trotz aller möglicherweise durch die Männer beherrschter Kriegskunst hätten sie die Frauen nicht zu irgendetwas zwingen können, wie das Beispiel der Gesellschaft der Warao im Amazonasgebiet beweist. Schon falls ein Ehemann bei den Warao einer anderen Frau zu lange hinterhersieht, kann das dazu führen, daß der Mann weniger zu essen bekommt. Bei den Warao ist die Zubereitung der Nahrung ein Geheimwissen, das ausschließlich den Frauen vorbehalten ist. Die Männer erledigen zwar Arbeiten wie Fische zu fangen. Aber bei den Warao weiß kein einziger Mann etwas mit dem durch ihn gefangenen Fisch anzufangen. Der männliche Warao kann sich nicht durch Fischfang ernähren, sondern lediglich von ihm gefangene Fische vor dem Haus der Frau abliefern. Zu einer Küche hat kein männlicher Warao Zutritt. Darum wissen sie auch nicht, wie dort Fische ausgenommen und zubereitet werden. Männliche Warao, die sich nach Meinung ihrer Frauen falsch verhalten, müssen zur Strafe hungern. Für Männer in den modernen, zivilisierten Gesellschaften kann man daraus vielleicht den Rat ableiten, sich eine derjenigen modernen Frauen zu suchen, die sogar Stolz darauf sind, nicht kochen zu können. Aber für die matriarchalischen Gesellschaften bedeutet das, daß die Männer sehr schlechte Karten hätten, falls sie versuchen sollten, sich gegen das Gesellschaftssystem aufzulehnen.

Daraus folgt, daß die Frauen der zivilisierten Gesellschaften das Matriarchat freiwillig aufgegeben haben. Sobald die Frauen jedoch das Wahlrecht für sich einforderten, haben sie es, in den Dimensionen der Geschichtsschreibung gemessen, sofort zurückbekommen. Das Matriarchat ist also nie völlig verschwunden. Rätselhaft bleibt lediglich wie das ohne bekannte Vereinbarungen bei der Abschaffung des Matriarchates möglich blieb und wieso das Matriarchat heute viele theoretische Anhänger hat, während kaum irgendjemand es tatsächlich zu praktizieren versucht.

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