2009/09/07

Biologisches Alter


Auf biologisch sinnvolle Weise läßt sich Alter nur in Prozenten einer Gesamtlebensspanne ausdrücken. Anders als sinnlose und nur zur Diskriminierung dienende Altersarten sind sinnvolle Arten des Alters, selbstverständlich nur bei massiven Änderungen in der Lebensführung, im begrenzten Maße reversibel. Deswegen kann man auch aus dem biologischen Alter, obwohl es in Prozenten angegeben wird, nicht exakt auf die Dauer der restlichen Lebensspanne schließen. Der Begriff Lebenserwartung hat übrigens überhauptnichts mit dem Alter oder auch nur der Lebensspanne zu tun.

Es gibt unterschiedliche Methoden das biologische Alter feststellen zu wollen. Zumindest an Kunst Interessierten ist bekannt, daß Maler mit zunehmenden Alter immer mehr auf Gelbtöne verzichten und immer blaustichiger malen. Das ist leicht damit zu erklären, daß sich die Augenlinse mit der Zeit eintrübt und dem Gehirn deswegen ein immer gelbstichigeres Bild liefert. Durchblutung der Linse würde zu massiven Bildfehlern führen, durch die man fast nichts mehr erkennen könnte, deswegen verzichtet die Natur darauf. Dadurch bedingt befinden sich in der Linse des Auges keine lebenden Zellen und es sind keine biologischen Korrekturmaßnahmen möglich. Deswegen läßt sich gegen die Gelbfärbung der Linse nichts unternehmen, außer vielleicht sie bei fortgeschrittenem Alter gegen eine künstliche auszutauschen. Hier könnte man eine Skala von völlig durchsichtig bis völlig gelb aufstellen, um daran das biologische Alter zu messen. Die Gelbfärbung der Linse hängt selbstverständlich auch von der Intensität der einfallenden Strahlung ab, daher schreitet sie von Individuum zu Individuum unterschiedlich voran. Deswegen läßt sich auf diese Weise nur das biologische Alter des Auges bestimmen, während andere Organe überwiegend anderen Einflüssen unterliegen könnten. Außerdem ist die Messung an einem so empfindlichem Organ wie dem Auge nicht empfehlenswert. Deswegen ist die Linseneintrübung nicht die optimale Methode, um ein biologisches Alter zu bestimmen.

Biologen und Medizinern ist bekannt, daß das Herz bei Säugetieren im Laufe des Lebens seine Lage verändert. Die Herzspitze weist zunächst nach unten, dann dreht sie sich immer weiter nach links. Das läßt sich einfach mittels eines Elektrokardiogrammes messen. Jedoch bleibt die Lage des Herzens während der Kindheit und Jugend weitgehend gleich, danach dreht es sich mit einigermaßen konstanter Geschwindigkeit und erreicht schließlich einen Punkt, an dem es sich nicht weiter drehen kann. Es ist nicht so, daß die Herzspitze sehr alter Menschen nach links oder gar schräg nach oben wiese, sondern sie weist irgendwo nach schräg links unten. Obwohl die Messung leicht durchzuführen wäre und das Herz für den gesamten Organismus von großer Bedeutung ist, ist die Messung der Lage der Herzspitze nur eingeschränkt zur Altersbestimmung geeignet. Ähnlich verhält es sich mit der Messung des Fettanteils im Knochenmark. Knochenmark ist von Natur aus rot, weil dort außer den Knochenmarkszellen auch die Blutzellen gebildet werden. Mit voranschreitendem Alter werden weniger Zellen gebildet und in den dadurch freiwerdenden Knochenraum Fett eingelagert, wodurch sich das Knochenmark gelb färbt. Fetteinlagerung ist natürlich auch von der Fettaufnahme abhängig und die Messung im Knochenmark ist eine invasive Maßnahme. Daher ist das keine geeignete Methode um das biologische Alter eines Lebewesens festzustellen. Natürlich wäre man schon lange tot, bevor das gesamte Knochenmark durch Fett ersetzt wäre. Das spricht auch gegen diese Methode, um das biologische Alter feststellen zu wollen.

Jeder Spezialist für ein Organ weiß, woran er das Alter des entsprechenden Organes erkennen kann. Ein weiteres Beispiel ist die Abnutzung bei Zähnen, die sich aber nur mit einer gewissen Erfahrung feststellen läßt. Jeder weiß, daß nicht jeder die eigenen Zähne gleich behandelt, daran ist leicht ersichtlich, daß solche Methoden, die sich auf Teile des Körpers beschränken, nicht zur Feststellung des biologischen Alters geeignet sind. Optimal sind lediglich Methoden, die sich auf den gesamten Körper beziehen. Daraus folgt, daß ein Wert, der alle Zellen betrifft und aus einer Blutprobe feststellbar ist, am besten geeignet ist. Im Blut vorhandene und sich dennoch teilende Zellen sind die weißen Blutkörperchen. An denen wird das biologische Alter am sinnvollsten festgestellt.

Die neueren Disziplinen der Biologie haben den Zyklus der Zellteilung erforscht. Während das Cytoplasma mitsamt seinen Organellen lediglich durch Abschnürung in zwei Teile geteilt zu werden braucht, ist die Teilung des Zellkernes komplizierter und braucht die meiste Zeit bei der Zellteilung. Nach einer Zellteilung macht eine Zelle erstmal eine Pause, die der Molekularbiologe als G1-Phase bezeichnet. Dabei ist die Zelle natürlich nicht untätig, auch wenn es so scheint. An die G1-Phase schließt sich die S-Phase an, wobei das S für Synthese steht. Dabei wird hauptsächlich neue Desoxyribonukleïnsäure produziert jedes Gen kopiert. Auf die S-Phase folgt die G2-Phase, in der die neuen Genkopien auf Fehler überprüft werden, während es unter dem Mikroskop wieder so aussieht, als wäre die Zelle untätig. Nach der G2-Phase folgt die Mitose, das heißt der Zellkern teilt sich, wobei einzelne Unterphasen unterschieden werden können, die aber nur dafür wichtig sind, um Schüler mit unsinnigen Prüfungsfragen quälen zu können. Während der nächsten G1-Phase überprüft die Zelle selbstverständlich, ob die Mitose reibungslos funktioniert hat, denn der reibungslose Ablauf der Mitose oder auch der S-Phase ist bei komplexen Organismen nicht selbstverständlich. Der Zyklus einer Zellteilung dauert bei den schnellsten der untersuchten Tierzellen durchschnittlich eine Stunde. Manchmal stellen Molekularbiologen jedoch fest, daß eine Zelle sogar noch länger nichts mehr tut. Das nennt der Molekularbiologe dann G0-Phase. Eine in G0-Phase befindliche Zelle stirbt oder ist schon tot.

Am Anfang des Lebens eines Organismus sind alle Zellen intensiv mit Zellteilungen beschäftigt, um alle Teile des Körpers aufzubauen, das heißt nichtmal eine einzige Zelle befindet sich in der G0-Phase. Ist das Leben des Organismus zu Ende, dann teilt sich keine einzige Zelle mehr, das heißt sie befinden sich alle in der G0-Phase. Der Anteil der Zellen, die sich der G0-Phase befinden, läßt sich leicht feststellen, sofern man ein Laboratorium zur Verfügung hat. Man braucht lediglich eine Blutprobe aus dem Probanden zu entnehmen, daraus die weißen Blutkörperchen zu isolieren und eine Zellkultur mit denen anzulegen. Man gibt fluoreszenzmarkierte (das schreibt sich wirklich so und leider nicht mit dem französischen ou-Laut) Nukleotide hinzu, die nur von Zellen, die eine S-Phase durchlaufen, eingebaut werden. Da so eine Zellkultur, wenn sie gesund ist, ohne weitere Maßnahmen nur drei Tage durchhält, muß man die Messung nach dieser Zeit durchführen und zwar am besten mit einem Durchflußzytometer. Das stellt automatisch fest, wieviele Zellen vorhanden sind und wieviele Zellen fluoreszensmarkiert sind. Daraus kann man sofort die Anzahl der Zellen, die sich noch geteilt haben, und die Anzahl der Zellen, die sich in der G0-Phase befinden, errechnen. Die Skala des biologischen Alters reicht von null Prozent der Zellen in G0-Phase bis zu hundert Prozent der Zellen in G0-Phase, wobei im letzteren Fall entweder der Proband eine Leiche war oder jemand Mist gebaut hat. Nur so läßt sich das biologische Alter auf sinnvolle Weise feststellen und jeder, der etwas anderes als biologisches Alter auszugeben versucht, gibt nur Blödsinn von sich.

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