2009/08/09

Gerechte Wechselkurse II


Unter den drei Methoden, den Außenwert einer Währung zu ermitteln, gilt lediglich die der Kaufkraftparität sogar den Wirtschaftlern selbst als bloße Theorie. Die Bezeichnung Kaufkraft ist praktisch selbsterklärend. Es handelt sich zwar nicht um eine Kraft im physikalischen Sinn, aber eine solche produziert ein Kraftwerk auch nicht. Kaufkraft bezeichnet die Fähigkeit, benötigte oder erwünschte Güter im Tausch gegen ein Zahlungsmittel zu erwerben. Dazu muß man lediglich genügend Zahlungsmittel besitzen. Das ist leichter gesagt als getan. Da in den sogenannten Wirtschaftswissenschaften die Realität höchstens als Störfaktor auftritt, gehen manche der Ökonomen davon aus, daß alle Menschen die gleiche Kaufkraft besitzen müßten. Nach ihrer Theorie sollen die Wechselkurse zwischen den Währungen dafür sorgen, daß die realen Verhältnisse an die Theorie angepaßt werden und jedes Volk der Welt den gleichen Anteil (= Parität) an der insgesamt vorhandenen, weltweiten Kaufkraft erhielte. Die Kaufkraftparitätstheorie will also das Gleiche zwischen den Völkern erreichen, das die Idealvorstellung des Sozialismus zwischen den einzelnen Angehörigen eines Volkes realisiert sehen möchte.

Kaufkraftparität herstellen zu wollen, ist zwar ein idealistischer Gedanke, aber dabei wird übersehen, daß das den einzelnen Angehörigen eines Volkes nicht unbedingt nützen muß. Auch innerhalb einer Volkswirtschaft gibt es unterschiedliche Wirtschaftsräume. Gleiche Wirtschaftsräume können auch innerhalb unterschiedlicher Volkswirtschaften existieren. Um auf sinnvolle Weise Kaufkraftparität herstellen zu können, müßte man die Volkswirtschaften in ihre einzelnen Wirtschaftsräume wie landwirtschaftlich geprägte Gebiete, Schwerindustrie, Bankenviertel und ebenso in Gebiete mit viel und mit wenig Bürokratie aufteilen. Dann müßte man gleiche Wirtschaftsräume zusammenfassen. Gemäß dieser Neuzusammenstellung müßten Währungen mit flexiblen Wechselkursen eingeführt werden. Besonders interessant daran ist, daß Kapitalanleger, Banken und Kreditnehmer alle unterschiedliche Währungen hätten, deren Wechselkurs sich täglich verändern könnte. Das wäre das exakte Gegenteil der Euroeinführung, durch die man Wirtschaftsräume, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, in einem Währungsraum zusammenfaßte. Der Euro ist jedoch ein Teil der Realität. In China wird der Rénmínbì (人民幣) in ähnlich unterschiedlichen Wirtschaftsräumen verwendet. Beim US-Dollar ist es ebenfalls nicht viel anders. Wie ließe sich unter den realen Bedingungen überhaupt Kaufkraftparität herzustellen? Wozu sollte das überhaupt gut sein?

Es ist sehr zweifelhaft, ob das für irgendetwas gut wäre. Um sie herzustellen, müßte man gleiche Wirtschaftsräume miteinander vergleichen. Da es davon mehrere innerhalb eines Währungsraumes gibt, bräuchte man statistische Daten, aus denen man auf den Wert der Währung schließen kann. Üblicherweise werden dafür die Warenkörbe verwendet, aus denen man auch mehr schlecht als recht die Teuerungsrate zu errechnen versucht. Um einen gemäß der Kaufkraftsparitätstheorie gerechten Wechselkurs zu finden, müßte man also die unterschiedlichen Statistikdaten der europäischen Länder für den Euroraum, die Statistikdaten der USA und die wie in keinem anderen Land geschönten Statistikdaten Chinas miteinander vergleichen, um nur drei große Währungsräume als Beispiel zu nennen. Über die wenig entwickelten und dünn besiedelten Gegenden Chinas liegen natürlich kaum Daten vor. Obwohl es in allen drei Währungsräumen ländliche, industriëlle und auf Dienstleistungen spezialisierte Teile gibt, unterscheiden sie sich trotzdem in der Infrastruktur. Im Euroraum ist sie im Zentrum gut ausgebaut und nimmt zu den Rändern hin im unterschiedlichen Maß ab. In China gibt es einzelne Flecken mit sehr gut ausgebauter Infrastruktur, im Rest des riesigen Landes fehlt sie völlig. Nordamerika hat zwar eine flächendeckende Infrastruktur, aber dafür ist sie nicht besonders ausfallsicher. Es ist kaum möglich, die unterschiedlichen Währungsräume durch statistisch ermittelte Daten zu vergleichen. Verwendete man die vorhandenen, größtenteils veralteten, oft unvollständigen und manchmal völlig falschen Daten, um Wechselkurse festzulegen, dann dürften in der Praxis lediglich viel größere Ungleichgewichte die Folge sein. Mancher Praktiker dürfte dazu in der Lage sein, sie zu nutzen, um sich selbst zu bereichern. Die Möglichkeit würde natürlich nur den selben Leuten offen stehen, die heute die Schlupflöcher im deutschen Steuerrecht exzessiv ausnutzen und für die Deutschland die größte und doppelmoralischste Steueroase der Welt ist.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen