2009/08/14

Evolution V


Bevor noch jemand glaubt, daß sich Evolution bei allen möglichen Dingen beobachten ließe, nur bei Lebewesen nicht, sollten wir diesen wichtigsten Teil der Evolution betrachten, an dem man die Evolution auch entdeckt hat. Selbstverständlich ist der Forschungsstand seit den Zeiten des Charles Darwin erheblich vorangeschritten. Daher würde kein Evolutionsforscher von Darwinismus reden. Außerdem haben Ismen, also Ideologien, in der Wissenschaft sowieso nichts verloren. Darwinismus hat es daher, falls überhaupt, immer nur außerhalb der Wissenschaften gegeben. Heute wissen wir, daß Zufälle eine untergeordnete Rolle in der Evolution spielen. Stattdessen läuft sie mit den immer gleichen, naturgesetzlich vorgegebenen, Mechanismen ab. Auch der Mensch praktiziert diese Mechanismen und ist ihnen unterworfen. Menschen und anderen Tiere entwickeln sich hauptsächlich durch intersexuëlle Selektion, auch kurz sexuëlle Selektion genannt, bei der es sich nicht um irgendeine Perversion handelt, sondern um die Auswirkungen der Partnerwahl auf die Entwicklung einer Art und auch umgekehrt. Ähnlich wie bei den Vorstellungen über einen idealen Markt ohne Wirklichkeitsbezug bei den Ökonomen, berücksichtigt auch die Artdefinition der Biologen keine Mechanismen der Partnerwahl, weil es sonst unangenehm schwierig würde, zu definieren, was eine Art überhaupt ist. Viele Biologen empfinden es als bereits traurig genug, daß sich Leben nicht definieren läßt und viele weitere Begriffe durch den Einfluß der Wissenschaftsjournaille immer schwammiger verwendet werden. Daher möchten sie ihre Definition der biologischen Art nicht aufgegeben und passen sie den neuen Erkenntnissen nicht an. Die Partnerwahl ist selbstverständlich ein Mechanismus, der nur bei zweigeschlechtlichen oder mehrgeschlechtlichen Arten zum tragen kommen kann. Aber exakt dazu, nämlich um die Entwicklung der Art voranzutreiben, dient die Aufteilung der Art in Geschlechter. Es gibt übrigens tatsächlich Arten mit mehr als zwei Geschlechtern. Während die Wissenschaftsfiktionsfilme der Nordamerikaner sich lediglich drei Geschlechter vorstellen können, kamen deutsche Wissenschaftsfiktionsromane bereits auf fünf Geschlechter. In der Natur sind jedoch schon Arten mit bis zu sieben Geschlechtern nachgewiesen worden. Während sich in der Wissenschaftsfiktion alle Geschlechter mit je einem Exemplar für einen Fortpflanzungsakt einfinden müssen, ist das in der Natur selbstverständlich nicht so, denn die Partnerwahl ist bei zwei Geschlechtern schon kompliziert genug, bei noch mehr erforderlichen Geschlechtern würde das schnell zum aussterben der Art führen. Auch die real existierenden mehrgeschlechtlichen Arten, bei denen es sich übrigens um Mikroorganismen handelt, brauchen jeweils nur zwei der Geschlechter für einen Fortpflanzungsakt, genau wie die zweigeschlechtlichen. Bei den Geschlechtern der mehrgeschlechtlichen Arten kann es sich selbstverständlich nicht um die uns als männlich und weiblich bekannten Ausprägungen handeln. Daher mögen manche vielleicht den Begriff des Geschlechtes für solche Arten unpassend finden. Unter der Voraussetzung läßt sich daran die sexuëlle Selektion nicht erklären. Wenden wir uns daher dem ohnehin interessanterem Fall der Evolution des Menschen zu.

Zwar läßt sich immer wieder die Behauptung vernehmen, daß der Mensch durch seine Beeinflussungsmöglichkeiten der Natur nicht mehr der Evolution unterliege, aber das ist selbstverständlich mitnichten der Fall. Es ist noch nichtmal möglich, es sei denn er möchte sich selbst ausrotten. Obwohl der Mensch bereits leidlich mit anderen Maßnahmen an seiner eigenen Ausrottung arbeitet, unterliegt er trotzdem noch der Evolution, gegen die er überhauptnichts unternimmt und das normalerweise noch nichtmal bemerkt. Warum sollte er dagegen auch etwas unternehmen wollen? Den Menschen aus der Evolution herauszunehmen hieße jegliche Form der Partnerwahl abzuschaffen. Niemand könnte sich mehr einen Partner wählen und niemand würde mehr erwählt werden. Da mindestens neunzig Prozent, eher noch mehr, der Tätigkeiten der Menschen der Balz dienen, und damit der Partnerwahl, der sexuëllen Selektion und der Evolution der menschlichen Art, bedeutete keine Evolution mehr zwangsläufig auch keine Kultur mehr.

Biologen kennen die Kriterien der Partnerwahl längst. Aber die sind sowieso nicht schwer zu erraten. Menschen können nur von denjenigen früheren Menschen abstammen, die Nachkommen hatten. Bei anderen Arten ist das nicht anders. Die meisten Nachkommen hatten selbstverständlich diejenigen, die ein Bedürfnis nach Nachkommen hatten. So mußte sich zwangsläufig bei allen biologischen Arten ein Fortpflanzungstrieb entwickeln. Bei zweigeschlechtlichen Arten existiert eine rein statistische Wahrscheinlichkeit, daß beide Elternteile ihre Gene jeweils zur Hälfte auf einen Nachkommen weitergeben. Der Biologe spricht hier von einem Verwandtschaftsgrad zwischen einem Elter und seinem Nachkommen von 0,5. Bei einem zweiten Nachkommen wäre der Verwandtschaftsgrad mit einem Elter wieder 0,5, aber da wir uns nach dem heutigen Erkenntnisstand noch sehr auf die Statistik stützen müssen, gilt die Wahrscheinlichkeit als gleich groß, also ebenfalls jeweils 0,5, daß nochmal die gleichen Gene oder die exakt gegenteilige Hälfte der Gene weitergegeben wird. Die beiden Geschwister könnten also genetisch identisch sein, was einem Verwandtschaftsgrad von 1,0 entspräche, oder vollkommen verschieden, was einem Verwandtschaftsgrad von 0,0 entspräche. Der statistisch ermittelte Verwandtschaftsgrad ergibt sich durch Mittelung und heraus kommt ein Verwandtschaftsgrad von 0,5 zwischen den Geschwistern. Daraus folgt, daß die beiden Eltern ihre Gene zu jeweils 75 % an ihre Nachkommen weitergegeben hätten. Wohlgemerkt würde ein Gentest wahrscheinlich ein anderes Ergebnis ergeben als die statistische Berechnung, aber die wenigsten unter den Menschen und anderen Tieren leisten sich diesen Luxus bei jedem Fortpflanzungsakt. Außerdem könnte man sowieso erst bei vorhandenen Nachkommen feststellen, wie hoch der vorliegende Verwandtschafsgrad ist. Gentests waren außerdem während der geschichtlichen Entwicklung nur die kürzeste Zeit und auch nur in den reichsten Ländern verfügbar. Daher kommen die Mechanismen der Evolution auch gut ohne aus. Betrachtet man nun die Weitergabe der eigenen Gene als den Sinn seines Lebens, so wie das alle anderen Tierarten und unter den Biologen Richard Dawkins tun, dann sind zwei Nachkommen und dabei eine Weitergaberate von 75 % der eigenen Gene nicht besonders befriedigend. In dem Fall sollte vielleicht ein dritter Nachkomme her. Aber aufgrund der gleichen statistischen Berechnungen wie beim zweiten Nachkommen, die lediglich nochmal wiederholt werden müssen, erkennt man leicht, daß wiederum nur die Hälfte der Differenz zu den hundert Prozent aufgefüllt würde. Mit drei Nachkommen hatte man statistisch 87,5 % der eigenen Gene weitergegeben. Unter Berücksichtigung des Umstandes, daß diese Nachkommen die Gene an die Enkelgeneration mit einer ähnlich unvollkommenen Rate weitergeben, ist jede Abweichung von den hundert Prozent äußerst unbefriedigend. Besser wäre natürlich eine mehrfache Weitergabe des kompletten eigenen Genomes, um der Ausdünnung der eigenen Gene in den folgenden Generationen vorzubeugen, denn andernfalls wäre die Weitergabe der eigenen Gene in auch nur kulturgeschichtlichen Maßstäben, von erdgeschichtlichen ganz zu schweigen, bereits unsinnig. Aber durch die Fortsetzung der oben angefangenen statistischen Berechnung läßt sich leicht feststellen, daß es sogar bei einer beliebig großen Zahl an Nachkommen komplett unmöglich ist, auch nur die einfache Weitergabe des kompletten eigenen Genomes zu erreichen, sofern man mit dem Fortpflanzungspartner einen Verwandtschaftsgrad von 0,0 aufweist. Von letzterem sind wir nämlich stillschweigend ausgegangen, weil das in der Biologie auch heute noch so üblich ist. Anders als in der Ökonomie schreiten die Erkenntnisse in der Biologie zwar voran, aber anscheindend können die Lehrbücher mit der Entwicklung nicht Schritt halten. Während der letzten Biotechnologieblase an den Märkten wurden allerdings auch viele Wissenschaftler durch Wirtschaftler ersetzt. In der Folge wurden dann sogar die Universitäten unter die Verwaltung durch Wirtschaftler gestellt. Das könnte möglicherweise die Ursache aller Probleme bei der Fortentwicklung wissenschaftlicher Erkenntnisse sein.

Halten wir die wichtige Erkenntnis fest. Fortpflanzung mit einem Partner ist umso sinnvoller, je ähnlicher der Partner einem ist. Das Problem haben manche Arten dadurch gelöst, daß sie eine ungeschlechtliche Fortpflanzung entwickelt haben. Die Methode gab es schon vor der geschlechtlichen Fortpflanzung, aber manche neuere Art ist zu der alten Methode zurückgekehrt. Dadurch sind die Nachkommen Klone des Vorfahren. Aber auch die Methode hat ihre Nachteile. Andernfalls hätten die meisten Arten sie nicht durch die geschlechtliche Methode der Fortpflanzung ersetzt. Arten ohne genetische Variabilität sind gegen Krankheiten, Parasiten und Umweltveränderungen sehr anfällig. Das können sich nur Arten in eng begrenzten, stabilen und isolierten Gebieten erlauben. Mit je mehr anderen Arten eine Art in ihrem Lebensraum konkurriert, je mehr unterschiedliche Lebensräume sich eine Art aneignet, mit je mehr Krankheitserreger eine Art konfrontiert ist, desto höher muß ihre genetische Vielfalt sein, falls sie nicht aussterben will. Beim Menschen haben Adelsfamilien mit ihrer Inzucht und daraus entstandenen Erbkrankheiten vorgeführt, daß eine zu nahe Verwandtschaft für die Methode der geschlechtlichen Fortpflanzung völlig ungeeignet ist. Der Mensch muß sich zur Fortpflanzung nicht nur einen möglichst ähnlichen, sondern gleichzeitig auch noch einen möglichst unterschiedlichen Partner suchen, falls er seine genetische Linie nicht aussterben lassen will. Aus diesen beiden gegensätzlichen Anforderungen ergeben sich die Kriterien bei der Partnerwahl.

Der heutige Mensch sucht sich Partner aus dem jeweils anderem Geschlecht auch für andere Tätigkeiten als die Fortpflanzung. Dabei wendet er zwar einerseits die ihm einprogrammierten Auswahlmechanismen an, weil er ein Gewohnheitstier ist, aber andererseits ist er dabei nicht so streng, weil er für die anderen Tätigkeiten auch bewußt bessere Auswahlkriterien finden kann. Dadurch entsteht manchmal der Eindruck, daß die Auswahlmechanismen für die sexuëlle Selektion nicht mehr in den Menschen einprogrammiert wären. Aber man bräuchte lediglich unterscheiden, ob die Partnerwahl zum Zweck der Fortpflanzung oder zu anderen Zwecken erfolgt, um den Eindruck zu korrigieren.

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