2009/08/28

Entalphabetisierung VI


Um die Lesekompetenz meiner Leser wieder zu steigern, werden in dieser Artikelreihe einige Dinge erklärt. Besonders dringend scheint es mir im Moment zu sein, den Unterschied zwischen dem Begriff der morphischen Resonanz und dem Begriff des morphogenetischen Feldes zu erklären. Darum widmen wir uns nun diesem Gebiet.

Morphologie ist die Teildisziplin der Biologie, die sich damit befaßt, die Körperformen der Lebewesen zu beschreiben. Die Silbe morph weist immer darauf hin, daß etwas mit diesen Formen in Zusammenhang steht. Weil Fachbegriffe nicht nur präzise, sondern auch international sind, heißt die Entstehung der Körperformen nicht Formbildung oder Formentstehung oder Entstehung der Körperformen, sondern Morphogenese. Die Morphogenese ist eines der größten Rätsel innerhalb der Biologie, obwohl erste Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet vorliegen. Es wurden Gene identifiziert, die festlegen in welche Richtungen sich die Körperachsen ausrichten. Diese Gene sind in den meisten Lebewesen vorhanden (andere haben andere Achsensysteme), bei manchen kleinen Lebewesen sind bereits alle Gene bekannt. Zum Beispiel weiß man über den Fadenwurm Caenorhabditis elegans genau mit welcher Zelle zu welchem Entwicklungszeitpunkt was passiert. Über komplexere Lebewesen, zum Beispiel Säugetiere, wissen wir, daß alle Gene zusammen nicht ausreichen würden, um alle erforderlichen Positionsinformationen zu speichern. Daß die Natur die effektivsten Algorithmen für die Datenkompression kennt, die weit über das hinausgehen, was Informatiker jemals alleine entwickeln könnten, ist für den Biologen nichts weiter als eine Selbstverständlichkeit. Dennoch sind die Mechanismen der Morphogenese noch unbekannt. Unnötigerweise haben sich Biologen aus der Physik den Begriff des Feldes entlehnt, mit dem etwas beschrieben wird, das Informationen über Positionen im Raum weitergibt und auf eine rätselhafte Weise funktioniert. Die Physiker haben den Feldbegriff eingeführt, nachdem sie den Ätherbegriff abgeschafft hatten und dann bemerkten, daß ihnen in ihren Modellen etwas fehlt. Daher ist der Feldbegriff der durch Philosophen am meisten kritisierte Fachbegriff in der Physik. Biologen meinten, daß die Definition auch gut zum Rätsel der Morphogenese paßt, aber damals waren auch noch alle an der Morphogenese beteiligten Gene völlig unbekannt. Trotzdem wurde der Begriff des morphogenetischen Feldes beibehalten, weil alle Wissenschaftler konservativ sind und an Traditionen festhalten.

Der Begriff des morphogenetischen Feldes ist ein Fachbegriff, den jeder Biologe kennt und der trotzdem noch darauf wartet mit Inhalten gefüllt zu werden. Zu dem Zweck gibt es viele Theorien wie das morphogenetische Feld funktionieren könnte. Eine der Theorien heißt morphische Resonanz und stammt vom australischen Pflanzenphysiologen Rupert Sheldrake, der den Begriff des morphogenetischen Feldes übrigens garantiert nicht erfunden hat, weil das Problem schon Jahrhunderte vorher bekannt war, und der auch kein Esoteriker sein will, obwohl er aus der Ecke viele Anhänger hat.

Die Anhänger des Rupert Sheldrake aus der esoterischen Ecke würde der australische Pflanzenphysiologe lieber nicht haben, weil die seine Theorie oft verfälscht wiedergeben und als Erklärung für schon fast jedweden Unsinn heranziehen. Rupert Sheldrake hat auch schon versucht, sich von solchen Leuten und ihren abstrusen esoterischen Theorien zu distanzieren, aber das wurde leider kaum wahrgenommen. Als Pflanzenphysiologie wäre er natürlich nicht auf die Idee gekommen, den biologischen Fachbegriff des morphogenetischen Feldes zu mißbrauchen und durch den Schmutz einiger Geschäftemacher zu ziehen. Die sich um ihn herumspinnenden esoterischen Theorien haben leider kein Problem damit. Dadurch läßt sich das Problem in wissenschaftlichen Kreisen kaum noch diskutieren.

Man muß immer zwischen dem morphogenetischen Feld und der morphischen Resonanz, die nur ein Erklärungsversuch für morphogenetische Felder ist, ganz sorgfältig unterscheiden. Die Definition der morphischen Resonanz für die Leser, die davon noch nicht gehört haben, will ich natürlich nicht schuldig bleiben.

Resonanzen sind ein Phänomen, das am besten aus der Akustik bekannt ist, aber in allen Bereichen der Physik vorkommt. Spannt man eine Vielzahl an Saiten auf, die Töne in unterschiedlichen Höhen hervorbringen, darunter auch Saiten der gleichen Tonhöhe, und bringt dann eine Saite zum schwingen, so daß der Ton hörbar wird, dann wird man etwas bestimmtes beobachten können. Diejenigen Saiten, die Töne der gleichen Höhe hervorbringen, schwingen ebenfalls, während andere Saiten das nicht tun. Das ist das Phänomen der Resonanz. Resonanzen treten in sehr vielen technischen Anwendungen auf, zumeist als Problem. Laut der Theorie des Rupert Sheldrake treten Resonanzen auch in der Morphogenese auf. Seine Theorie besagt, daß vorhandene Formen über Resonanzen, die durch das morphogenetische Feld übertragen werden, dafür sorgen, daß die gleichen Formen auch an anderen Stellen entstehen. Die Theorie der morphischen Resonanz ist offensichtlich nach einer starken Verinnerlichung des physikalischen Feldbegriffes entstanden, obwohl der in der Biologie überhauptnicht nötig ist.

Das Gierer-Meinhardt-Modell des morphogenetischen Feldes liefert eine Erklärung der Morphogenese, die durch die meisten Biologen bevorzugt wird, weil es eine biochemische Erklärung ist. Es gibt noch mehr Modelle und es steht jedem frei weitere Modelle zur Erklärung der morphogenetischen Felder zu liefern, aber bisher scheint das Gierer-Meinhardt-Modell das beste und die das Modell der morphischen Resonanz das unwahrscheinlichste zu sein. Rupert Sheldrake hält die morphische Resonanz deswegen für eine gute Erklärung, weil viele Pflanzen der gleichen Art eine große Vielfalt an unterschiedlichen Formen hervorbringen können, so daß das Speichern der dafür notwendigen Informationen innerhalb eines Körpers noch schwieriger wird als bei nur einer Form. Deswegen bevorzugt er Erklärungen, bei denen die Informationen außerhalb des Körpers gespeichert werden können. Solange die Mechanismen der Morphogenese noch weitgehend unbekannt sind, lediglich für das Gierer-Meinhardt-Modell gibt es erste Bestätigungen, gibt es keinen Grund sich der Theorie der morphischen Resonanz anzuschließen.

P(ost)S(criptum): Tatsächlich, der erste Kommentator hat recht. Sheldrake stammt aus England. Wie komme ich bloß auf Australien? Das ist der einzige Kontinent, der in seiner Biographie garkeine Rolle spielt. Meine Recherchen wurden bereits gemacht als man noch nicht einfach in der Adminpedia nachschlagen konnte, um beispielsweise herauszufinden, ob ein bestimmter Ort in Indien liegt. Seinen Geburtsort veröffentlichte damals auch noch kein Autor. Ganz besonders im heutigen Desinformationszeitalter darf man sich nicht mehr auf einzelne Quellen verlassen!

1 Kommentar:

  1. Ein paar Ergänzungen zu Rupert Sheldrake:
    Rupert ist englischer, nicht australischer Biologe und wohnt (bis auf die Zeit, die er in Indien forschte) in London. Es ist richtig, dass sein ganzes Streben um die Anerkennung seiner Hypothesen seitens der konventionellen Wissenschaft gilt. Darum hatte ihn die Verdammung seines ersten Buches "Das schöpferische Universum" durch Sir Maddox, dem damaligen Hrsg. von "Nature", auf der Titelseite mit der Headline "A book for burning" Anfang der 80er so geschmerzt.
    Er unterscheidet jedoch die Untergruppe der "Morphogenetischen Felder" von dem Oberbegriff "Morphische Felder", da er bei seinen einzigartigen Forschungen (es gibt kaum einen Wissenschaftler, der über eine solche imense empirische Datenbasis aus allen Teilen der Welt verfügt wie Rupert)heruasgefunden hat, dass die bei der Morphogenese der Pflanzen und Moleküle, Proteine etc beschriebenen Phänomene auch bei tierischem und menschlichem Verhalten beobachten lassen.
    Für alle, die sich unvoreingenommen ein Bild von seiner Foschung machen wollen, empfehle ich das Buch "Das Gedächtnis der Natur", was auch und gerade für Laien geschrieben wurde. Für Naturwissenschaftler verweise ich auf seine deutsche (überarbeitete und ergänzte) Neuausgabe von "Das schöpferische Universum".
    Ich kenne keinen Wissenschaftler, der so demokratisch vorgeht und immer wieder Skeptiker einläd, sich an den Experimenten zu beteiligen.
    Es ist aus meiner Sicht kein Wunder, das ausgerechtnet Sir Maddox Sheldrake indirekt mit Galileo Galilei verglich.
    Götz Wittneben

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