2009/08/07

Entalphabetisierung III


Ein weiteres Gebiet, in dem Schulen eigentlich für Kompetenz sorgen müßten, sind die Zutatenlisten, die auf Kosmetika und vor allem Nahrungsmittel zu lesen sind. Es ist ein weiteres Gebiet, in dem die Schulen komplett versagt haben. Sie behaupten, den Schülern lesen und schreiben beizubringen. Aber die meisten Menschen sind nicht in der Lage, eine Zutatenliste zu lesen. Sogar mit der Aussprache der Wörter darin hapert es. Beim Verständnis ist die Lage völlig hoffnungslos. Sogar nach allen Lebensmittelskandalen hat sich die Situation nicht verändert. Selbst nach dem Rinderwahn gibt es immernoch Menschen, die unsteriles Tiermehl konsumieren. Das glaubt ihr nicht? Seht euch mal an, wo überall Gelatine drin ist. Ihr glaubt nicht, daß es sich bei Gelatine um unsteriles Tiermehl handelt? Dann müßt ihr euch ansehen, wie sie hergestellt wird. Die Kollagene im Tiermehl werden zerstört, falls man es zu hoch erhitzt. Ansonsten wird Gelatine aus den gleichen Schlachtabfällen gemacht, die gemahlen und sterilisiert als Tiermehl bekannt sind. Dabei ist es noch sehr einfach das Wort Gelatine in den Zutatenlisten zu erkennen und sich darüber zu informieren, worum es sich dabei handelt. Aber sogar dazu sind manche Leute nicht in der Lage. Zugegebenermaßen ist es bei allenfalls aus dem Chemieunterricht bekannten Substanzen schwieriger. Es gibt nicht nur zu wenig Chemieunterricht an den Schulen, im Chemieunterricht wird offensichtlich auch zu wenig gelesen.

Man sollte kein Chemiediplom brauchen, um so etwas alltägliches und banales wie eine Zutatenliste lesen und verstehen zu können. Die Industrie kann nur sehr eingeschränkt etwas für diesen Zustand. Die Industrie kann die Substanzen auch nur so deklarieren, wie sie nunmal heißen. Die Industrie könnte bestenfalls etwas für mehr Bildung tun und eigene Alphabetisierungskampagnen durchführen.

Chemieunterricht an den Schulen müßte größtenteils durch Lebensmittelchemie ersetzt werden. Der Unterricht müßte damit beginnen, daß die Lehrer mit den Schulklassen einkaufen gehen. Dann müßten sie mit den eingekauften Produkten in schuleigene Laboratorien gehen und analysieren, was sie enthalten. Nur so können Schüler, so schnell wie es für ihr tägliches Leben heutzutage erforderlich ist, lernen, was in den Produkten enthalten ist. Das wäre viel wichtiger als zu wissen, welches Atommodell, welches Säuremodell oder welche Redoxreaktionen in welchem Jahrzehnt der Geschichte als richtig oder besonders wichtig angesehen wurden.

Innerhalb der Naturwissenschaften ist deren Geschichte zwar wichtig, aber welche theoretischen Vorstellungen überholt sind, ist nicht so wichtig. Wichtiger wären die historischen Hintergründe jeder Zeit, in der eine historische Entdeckung gemacht wurde. Dadurch würde leicht erkennbar, daß wissenschaftliche Erkenntnisse normalerweise nicht auf wissenschaftlicher Vorarbeit, sondern zumeist auf kulturellen Entwicklungen, basierten. Aber dieser Teil der Geschichte der Naturwissenschaften wird auch seitens deren größten Autoritäten oft einfach ignoriert. Also sollten sich Schüler ebenfalls nicht damit befassen müssen. Man sollte einen Naturwissenchaftler natürlich nur anerkennen, falls er sich in der Geschichte seiner Wissenschaft und ihren gesellschaftlichen Hintergründen bestens auskennt. Aber Schülern sollte vor allem beigebracht werden, Zutatenlisten zu lesen und zu verstehen. Warum leuchtet das nicht jedem ein?

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