2009/08/04

Energiekorn


Ihr kennt sicher Rote Beete, auch Rote Rübe genannt. Das ist eine Rübe, die oberhalb der Erde wächst, nur ihre Wurzeln steckt sie in die Erde. Man kann mit dem Saft der Roten Rübe Dinge rot färben, daher ist der Name recht passend. Der Name Beete kommt wahrscheinlich von ihrem botanischen Artnamen Beta vulgaris. Man kann aus ihr das russische Gericht Borschtsch (борщ) machen, meistens macht man das jedoch nicht nach dem russischen Originalrezept. Das ist vermutlich auch besser so. Aber die Bezeichnung ist dann nicht unbedingt korrekt, denn Borschtsch (борщ) ist nur eine speziëlle Form der russischen Kohlsuppe oder Suschtsch (сущ). Keine Angst, das soll hier keine Kochsendung werden!

Es muß lediglich etwas ausgehohlt werden, um den Begriff des Energiekorns zu erläutern. Dazu ist es erforderlich uns noch ein Gemüse zu betrachten, nämlich den Mangold. Von dem werden die Blätter und die Blattstiele gegessen. Schade eigentlich, daß das keine Kochsendung ist. Mangold ist nämlich sehr lecker, vor allem wenn man die Blattstiele von den Blättern abtrennt und die Blattstiele kleinschneidet und in Butter zusammen mit Zwiebeln dünstet, dann mit Milch weichkocht, die Blätter dagegen erst später in einer Pfanne mit Pflanzenöl, Knoblauch, Pfeffer, Thymian und einigen Mandelblättchen anbrät, so daß beides gleichzeitig gar wird und schließlich beides zusammen mit Kartoffelpürée, den man mit etwas Streukäse gestreckt hat, serviert. Aber Schluß damit. Sonst artet das hier wirklich noch zur Kochsendung aus und das soll euch erspart werden. Der springende Punkt ist, daß Mangold und Rote Beete einerseits sehr verschieden voneinander sind, worauf die Zubereitungsmethoden lediglich hinweisen sollten, andererseits aber auch eng verwandt. Das zeigt sich nicht nur dadurch, daß es Mangold gibt, dessen Blattstiele rot sind. Vor allem zeigt sich die Verwandtschaft am Artnamen des Mangold, denn der lautet Beta vulgaris. Die beiden Gemüse gehören der selben Art an.

Aber es geht noch weiter. Es gibt mehr als eine Möglichkeit Zucker zu gewinnen. Aber die meisten unter euch dürften Zucker konsumieren, der aus Zuckerrüben gewonnen wurde. Anders als die Rote Rübe wächst die Zuckerrübe komplett unter der Erde, nur die Blätter, die etwas an Mangold erinnern, sind über der Erde dem Sonnenlicht ausgesetzt. Die Blattform ist schon ein Hinweis. Auch die Zuckerrübe heißt auf botanisch Beta vulgaris.

Wahrscheinlich nur noch in den Mitgliedsbetrieben der ökologisch-dynamischen Landwirtschaftsverbände, umgangssprachlich und nichtssagend oft als Biobauern bezeichnet, spielt die Runkelrübe eine Rolle. Das ist eine einigermaßen orangefarbige Rübe, die teils im und teils über dem Boden wächst, früher oft als Viehfutter diente und daher auch Futterrübe genannt wird. Heute wird das meiste Vieh mit Fischmehl gefüttert, das aus dem Beifang gewonnen wird, denn man auf den Fischmärkten nicht loswerden kann. Die Futterrübe heißt auf botanisch Beta vulgaris. Schon wieder! Wie kann das sein, daß vier dermaßen unterschiedliche Pflanzen alle der selben biologischen Art angehören sollen? Es handelt sich um Kulturvariëtäten. Kulturvariëtät wird gerne latinisiert als cv. abgekürzt. Offensichtlich können Kulturvariëtäten so unterschiedlich sein als gehörten sie unterschiedlichen Arten an. Wahrscheinlich stammen von der Runkelrübe die anderen drei Kulturvariëtäten der Art Beta vulgaris ab. Trotzdem käme man nicht auf die Idee, Mangold als Viehfutter zu verwenden oder Zucker aus Roter Beete gewinnen zu wollen. Obwohl die bis hierhin vorgestellten Kulturvariëtäten alle vier der selben Art angehören, sind sie trotzdem sehr voneinander verschieden.

Natürlich trifft das ebenso auf die Kulturvariëtäten anderer Arten zu. Eine weitere Art, die unterschiedliche Kulturvariëtäten hat, ist Triticum aestivum. Die bekannteste Kulturvariëtät des Triticum aestivum ist der Weizen. Der Weizen ist ein sehr wichtiges Grundnahrungsmittel und darum weithin bekannt, mitunter sogar einigen Stadtmenschen. Der Weizen ist sogar so bekannt, daß er oft mit der biologischen Art Triticum aestivum gleichgesetzt wird. Aber Triticum aestivum besitzt noch mindestens eine weitere Kulturvariëtät. Dabei handelt es sich um das Energiekorn. Die Kulturvariëtäten des Triticum aestivum lassen sich äußerlich nicht so leicht voneinander unterscheiden wie die der Beta vulgaris, obwohl die Unterschiede tatsächlich ähnlich groß sind. Dadurch kommt es immer wieder zu Mißverständnissen.

Eine immer wieder vorgetragene, aber dadurch nicht weniger absurde, Behauptung ist die, daß man Weizen verwenden könne, um ihn zu verheizen. Bei dem Versuch würde eine große Menge giftiger Stoffe entstehen, die nicht nur gegen sämtliche Emissionsschutzgesetze verstießen, sondern auch noch den Betreiber der Heizanlage gefährdeten, die Heizanlage selbst zerstörten und teuer zu entsorgenden Sondermüll produzierten. Der Grund dafür ist der, daß Weizen einen sehr hohen Proteïnanteil hat. Beim Versuch die Weizenproteïne zu Heizzwecken zu verbrennen entstehen selbstverständlich riesige Mengen Stickoxide und natürlich noch Nebenprodukte. Weizen ist eine Kulturvariëtät, die durch Züchtung auf einen möglichst hohen Proteïnanteil optimiert wurde. Die Proteïne des Weizens sind für seine Backfähigkeit sehr wichtig. Ohne sie könnte man aus Weizenmehl nur so flache Fladen wie aus Maismehl produzieren. Außerdem kann der Mensch sich sogar ausschließlich von Wasser und Weizen ernähren, was ohne die Weizenproteïne natürlich nicht mehr möglich wäre. Darum sind die Weizenproteïne sehr wertvoll. So ist es nur konsequent, daß ein Landwirt, der seinen Weizen verkaufen will, diesen gemäß dessen Proteïnanteil bezahlt bekommt. Um es noch einmal deutlich zu sagen, Weizen ist desto mehr wert, je mehr Proteïne in ihm enthalten sind! Selbstverständlich hat das über die Jahrtausende, während derer Weizen bereits kultiviert wird, durch Züchtung zu einer Zunahme des Proteïnanteils geführt. Kein anderes Getreide enthält noch mehr Proteïne. Kein anderes Getreide würde dermaßen schlicht und unter Abgabe so großer Mengen giftiger Dämpfe verbrennen wie Weizen! Deswegen, tatsächlich nicht aus moralischen Gründen, würde kein einigermaßen noch geistig gesunder Mensch auf die Idee kommen, Weizen zu verbrennen!

Ganz anders verhält es sich mit dem Energiekorn. Energiekorn ist ein sehr ertragreiches Getreide. Dem Energiekorn gelingt es riesige Erträge zu generieren, indem es die Synthese und Einlagerung von Proteïnen auf ein Minimum beschränkt. Dadurch kann das Energiekorn den größten Teil der ihm zur Verfügung stehenden Energie auf die Synthese von Polysacchariden verwenden, die sehr gut zum verbrennen geeignet sind. Energiekorn und Weizen sind beide Kulturvariëtäten der Art Triticum aestivum, aber Energiekorn unterscheidet sich vom Weizen ebensosehr wie sich die Kulturvariëtäten der Art Beta vulgaris voneinander unterscheiden. Die Unterschiede sind lediglich nicht so leicht zu erkennen, weil sie sich bei den Kulturvariëtäten der Art Triticum aestivum auf der Ebene der Biochemie abspielen.

Energiekorn läßt sich am Getreidemarkt fast garnicht verkaufen. Es ist zum backen völlig ungeeignet, enthält fast keine Proteïne und eignet sich nicht als Viehfutter. Menschen verzehren erst recht kein Energiekorn. Der Landwirt, der Energiekorn verkaufen will, würde niemals seine Kosten decken können, wenn der Sektor der alternativen Energiequellen das Energiekorn nicht als geeignetes Heizmaterial entdeckt hätte. Tatsächlich eignet sich Energiekorn zu nichts anderem als dazu, es zu verheizen.

In skandinavischen Ländern ist das seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Nur im deutschsprachigen Raum stellen sich die Behörden gerne quer. Sie verlangen, daß der Landwirt, sogar dann falls dafür wesentlich weniger Nachfrage besteht, Weizen statt Energiekorn anbauen sollten, weil das Energiekorn doch sonst dem Weizen die Ackerflächen wegnehmen würde. Mit der gleichen verqueren Logik könnte man fordern, daß Zuckerrüben und Mangold nicht mehr angebaut werden sollten, weil durch die Zuckerproduktion und das leckere, gesunde Gemüse schließlich weniger Ackerflächen für den Anbau der Futterrüben zur Verfügung stünden.

Natürlich haben Kulturvariëtäten der gleichen Art ähnliche Ansprüche an den Boden und an ihre Umgebung. Daher lassen sich die Kulturvariëtäten der gleichen Art durchaus als Standortkonkurrenten betrachten. Das war jedoch schon immer so und ist daher aus der Sicht des Landwirts kein Problem. Vielmehr ist es heute eine Möglichkeit trotz hohen wirtschaftlichen und bürokratischen Druckes auf den Landwirt seine Existenz doch noch einigermaßen zu sichern.

Sogar die Befürchtung, daß die Agrarflächen der Welt nicht mehr ausreichen könnten, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren, ist eine völlig aus der Luft gegriffene Panikmache. Es gibt heute Länder, die Ackerflächen in anderen Ländern kaufen oder pachten. Das funktioniert vor allem deshalb, weil in den Ländern, die Ackerflächen verkaufen oder verpachten, andernfalls große Ackerflächen guter bis bester Qualität einfach brachliegen würden. Viele Länder haben dermaßen große Ackerflächen, daß sie überhauptnicht vollständig genutzt werden können. Zum Beispiel werden (laut der französischen Fernsehsendung „Dessous les cartes / Mit offenen Karten“) in Angola und Mosambique nur zehn Prozent der verfügbaren Ackerfläche überhaupt genutzt. Dabei sind gerade Angola und Mosambique flächenmäßig große Länder. Es wäre daher ganz leicht aus den noch nicht genutzten Agrarflächen solcher Länder den gesamten Nahrungsbedarf für die Welternährung zu decken und den Gesamtbedarf an Energiekorn aller Länder mit Heizperioden noch dazu, sogar dann wenn dort jeder einzelne Haushalt auf skandinavische Energiekornheizungen umstellen sollte. Es fehlt lediglich der politische Wille dazu, genau das zu tun.

Natürlich ist das Heizen mit Energiekorn an sich schon keine verschwenderische Methode, sondern eng verwandt mit der modernen Technik der Pelletheizung. Eine Umstellung auf Energiekornheizungen würde für viele Haushalte eine Modernisierung und damit eine Energieeinsparung bedeuten. Dazu kommt, daß die Ölwende ein unumkehrbares Faktum ist und ihr deswegen eine Energiewende zwingend auf den Fuß folgen muß. Warum sollte Energiekorn dabei keine Rolle spielen dürfen?

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