2009/08/16

Das Schicksal der Welt II


Ihr dürftet inzwischen bemerkt haben, daß bei Das Schicksal der Welt I im wesentlichen nur Europa behandelt wurde. Schauungen sind nur aus Europa und vereinzelt auch aus Nordamerika bekannt. Die meisten Schauungen geben nur Auskunft über die Entwicklung des Heimatgebietes des jeweiligen Sehers. Dadurch ist es nicht verwunderlich, daß aus wenig besiedelten Gebieten wie dem Pazifik, Sibirien und der Antarktis keine Schauungen vorliegen. Aus dem am dichtesten besiedelsten Gebieten der Welt sind jedoch auch keine Schauungen bekannt, obwohl es die dort geben sollte. Daß die bei uns nicht bekannt sind, liegt jedoch nicht an etwaïgen Sprachbarrieren.

Es ist euch vielleicht schon anhand meiner früheren Artikel aufgefallen, daß mein Verfasser sich in der chinesischen Sprache einigermaßen zurechtfindet (mehr würde er schon aus reiner Bescheidenheit nie zugeben). Daher hatte er tatsächlich einmal geplant, ein Buch über Seherschauungen und Prophezeiungen aus China zu schreiben. Dazu mußte er solche finden, lesen und übersetzen. Selbstverständlich hat er mit dem berühmtesten der chinesischen Prophezeiungsbücher anfangen wollen. Jedoch hat er das sehr schnell aufgegeben. Aber nicht deswegen, weil es zu schwierig gewesen wäre. Ganz im Gegenteil, es war zu einfach. Existierende, chinesische Kommentare erklären Detail für Detail, was die Schauungen bedeuten sollten. Namen, Orte und Zeiten wurden angegeben. Chinesische Kommentatoren stellen gerne deutlich heraus, daß gerade die exakten Angaben der Vorteil chinesischer Prophezeiungen gegenüber westlichen, wie den kryptischen, aber gerade dafür berühmten, Centurien des Nostradamus wären.

Das berühmteste Prophezeiungsbuch der Chinesen ist das Tuībèitú (推背圖; „vereinfacht“: 推背图). Es soll während der größten Glanzzeit der chinesischen Geschichte, der Dynastie namens Táng (唐) entstanden sein. Während der berühmtesten Dynastie, der namens Míng (明) hatte sich ein Gelehrter am Kaiserhof ganz besonders dem Studium des Tuībèitú (推背圖) gewidmet. Aus dessen Besitz soll das Exemplar stammen, das heute im chinesischen Nationalmuseum auf Taiwan lagert. Auf dieses Exemplar wollen alle heute erhältlichen Versionen zurückzuführen sein. Vom früheren Eigentümer des Exemplares stammen die Kommentare, die die Vorhersagen mit den Ereignissen der bis dahin stattgefundenen Geschichte in Zusammenhang bringen. Das Tuībèitú (推背圖) besteht aus sechzig Zeichnungen, die bereits zu Lebzeiten des angeblichen Verfassers des Tuībèitú (推背圖) mit kurzen Kommentaren versehen worden sein sollen.

Schon die Entstehung des Tuībèitú (推背圖) ist merkwürdig. Der Verfasser soll ein kaiserlicher Hofastronom gewesen sein, der auch in China immer zugleich Astrologe war, jedoch anders als seine westlichen Kollegen zugleich ein Historiker der zum kaiserlichen Amt für Geschichtsschreibung gehörte. Da bekanntlich auch Nostradamus als Hofastrologe arbeitete ist das nicht weiter verwunderlich. Aber die Entstehungsgeschichte des Tuībèitú (推背圖) behauptet, daß der Hofastrologe selbiges auf der Beobachtungsplattform verfaßte und dort Besuch von einem befreundetem Beamten bekam. Das Problem dabei ist, daß außer dem Hofastrologen allenfalls noch der Kaiser persönlich die Himmelsbeobachtungsplattform betreten durfte. Alle anderen erwartete die Todesstrafe für so einen staatsfeindlichen Akt. Daher kann mit der Geschichte etwas nicht stimmen.

Entscheidender ist jedoch, daß die Kommentare des Tuībèitú (推背圖) tatsächlich bis zur Míng-Dynastie Namen, Zeiten und Orte aller wichtigen geschichtlichen Ereignisse nennen. Für Experten auf dem Gebiet der Schauungen und Prophezeiungen ist das ein sehr deutliches Zeichen dafür, daß die Ereignisse erst nach derem Eintreffen beschrieben wurden. Weil sich Sprachen selbstverständlich zusammen mit den geschichtlichen Entdeckungen und Ereignissen weiterentwickeln, müssen sich die Menschen jeder Epoche notgedrungen ihrer Zeit gemäß ausdrücken. Dadurch sind Schauungen immer schwer zu verstehen, bedürfen der Interpretation und kleine Abweichungen sind auch bei der exaktesten Vorhersage unvermeidlich. Beim Tuībèitú (推背圖) treten die jedoch bis zur Míng-Zeit nicht auf. Experten wissen sogar, daß selbst die in Schauungen explizit enthaltenen Zeitangaben unzuverlässig sind. Sie stimmen fast nie. Die meisten Seher erwarten die geschauten Ereignisse noch während ihrer eigenen Lebzeiten, weil sie keinen anderen Sinn darin erkennen können, daß die Schauungen ausgerechnet ihnen eingegeben wurden. Durch die unterschiedlichsten Methoden herbeigeführte Schauungen, bei denen man das Problem nicht unbedingt erwartet, sind noch viel unzuverlässiger. Konsequenterweise werden die Vorhersagen des Tuībèitú (推背圖) nach der Míng-Zeit sehr schwammig und man kann alles mögliche hineininterpretieren. Mit den exakten Angaben der Namen, Zeiten und Orten ist es dann vorbei. Außerdem besteht das Tuībèitú (推背圖) zwar aus sechzig (die Anzahl der Jahre eines chinesischen Kalenderzyklus) Zeichnungen, aber es gibt bis zu vier weitere Zeichnungen (dann zusammen vierundsechzig und damit die Anzahl der Hexagramme des ältesten chinesischen Orakelbuches), die ebenfalls für sich beanspruchen teil des Tuībèitú (推背圖) zu sein. Sogar die Entstehung des Tuībèitú (推背圖) während der Táng-Dynastie ist verdächtig. Da sie für die Chinesen als die ruhmreichste gilt, werden Fälschungen gerne auf diese Zeit datiert. Für die Fälscher hat das noch den zusätzlichen Vorteil, daß die meisten Originale aus der Zeit zerfallen sind und die übrigen nur mit großem technischem Aufwand erhalten werden. Daher muß man bei Werken, die aus dieser Zeit zu stammen vorgeben, besonders vorsichtig sein.

Da sogar das berühmteste aller chinesischen Bücher, die die Zukunft zu kennen behaupten, leicht als Fälschung zu erkennen ist, und darüberhinaus, was noch viel schlimmer ist, kein Chinese das zu bemerken in der Lage zu sein scheint, brauchen wir nicht mit echten Schauungen aus dem chinesischen Sprachraum zu rechnen. Das ist garnicht so seltsam wie es klingt. Der Grund dafür, daß das Betreten der Himmelsbeobachtungsplattform außer durch den Kaiser und seinen Hofastrologen bei Todesstrafe verboten war, ist der, daß Vorhersagen am chinesischen Kaiserhof sehr wichtig genommen wurden. Während das Königsheil europäischer Länder durch die Gnade des Gottes des Christentumes begründet wurde, gründete sich das Amt des chinesischen Kaisers auf das Mandat des Himmels und der chinesische Kaiser bezeichnete sich selbst als den Sohn des Himmels. Daher mußte der Kaiser wissen, was am Himmel geschah, also in seiner eigenen Familie. Zugleich wußten auch die Alten Chinesen, daß der Himmel uns das Schicksal der Welt zu offenbaren versucht. Wer die Vorgänge am Himmel zu deuten verstand, war nur noch einen Schritt vom eigenen Anspruch auf den kaiserlichen Thron entfernt und damit eine Bedrohung für den chinesischen Kaiser. Astrologie war daher genauso verboten wie das Betreten der Himmelsbeobachtungsplattform des kaiserlichen Hofes. Während der chinesischen Geschichte war es daher ganz normal, daß sich alle Arten an Revolutionären auf Prophezeiungen beriefen, um ihre Taten zu rechtfertigen. Unter diesen Umständen versteht es sich geradezu von selbst, daß alle Arten an Vorhersagen über die Zukunft immer einer strengen Zensur durch den Kaiserhof unterlagen. Die kommunistische Partei führt diese Politik bis heute fort, was sie mit dem Materialismus, den die kommunistische Ideologie gebietet, begründet.

Es ist also alles andere als sonderbar, daß wir, einschließlich der Chinesen, keine Seherschauungen oder ähnliche Vorhersagen der Zukunft aus dem chinesischen Sprachraum vorliegen haben. Seltsamer ist es da schon, daß auch keine Schauungen aus Indien oder Japan bekannt sind, zumal Europäer einen früher begonnenen und intensiveren kulturellen Austausch mit den beiden Kulturen praktizieren.

Also falls jemand entsprechende Schauungen aus anderen Kulturkreisen kennt, dann möge sie oder er sie bitte in den Kommentaren vorstellen. Schauungen aus anderen Kulturkreisen sind nicht nur dafür wichtig, um zu erfahren, was in den anderen Kulturen geschehen soll, sondern auch dafür, die Plausibilität der Voraussagen aus unserem eigenen Kulturkreis zu überprüfen.

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