2009/08/28

Das Bedingungslose II


Der erste Teil enthielt lediglich die Definition des Bedingungslosen, ist jedoch weder auf Kritik daran noch auf den konkreten Inhalt eingegangen. Bevor das getan werden kann, muß der Grund für das Konzept des Bedingungslosen vorgestellt werden.

Das Bedingungslose soll den Menschen ihre Würde zurückgeben und damit ganz nebenbei noch die Wirtschaft ankurbeln, weil wir uns auch mit diesem Konzept nicht von einem Wirtschaftssystem verabschieden brauchen, das ständig angekurbelt werden muß. Wer sogenanntes Arbeitslosengeld (schon der Papierkram dabei macht eine Menge Arbeit) in Anspruch nehmen muß, sieht sich schnell zahlreichen Schikanen ausgesetzt. Einer der Werbeträger des Bedingungslosen, der Multimilliardär Götz Werner, vergleicht die mit offenem Strafvollzug. Durch das Bedingungslose gehörten solche Zustände der Vergangenheit an, weil die Inanspruchnahme solcher Dinge wie Arbeitslosengeld überflüssig werden sollte.

Daß Arbeitslosengeld und damit natürlich auch Arbeitslosenversicherungen und ähnliches überflüssig würden, ist lediglich eine Hoffnung. Aber mit Sicherheit wird die Verhandlungsposition derjenigen gestärkt, die über ihre Löhne verhandeln. Statt als erstes Streikkassen zu füllen, bevor man überhaupt an Verhandlungen denken kann, und als letztes die gesamte Volkswirtschaft lahmzulegen, indem wichtige Dienstleistungen komplett unterlassen werden, könnte man schon bei der Anstellung alle schikanösen Bedingungen ablehnen. Das Bedingungslose wirkt zu jedem Zeitpunkt wie eine gefüllte Streikkasse. Dadurch wird schließlich die Kaufkraft gestärkt, weniger als einen Mindestlohn würde man sowieso nicht akzeptieren, falls man auch vom Bedingungslosen leben könnte.

Es besteht jedoch die Gefahr, daß man zu wenig Geld für den eigenen Lebensstil durch das Bedingungslose erhalten könnte. Einerseits könnte es dadurch genauso wirkungslos werden wie ein zu niedriger Mindestlohn, andererseits will das Konzept niemandem vom arbeiten oder vom Geld verdienen (ohnehin zwei verschiedene Dinge!) abhalten. Die Ähnlichkeit mit dem Mindestlohn, den es heute zumindest in manchen Branchen und manchen europäischen Ländern schon gibt, zeigt wie wenig sich durch das Bedingungslose ändern würde. Die einzige wirkliche Veränderung wäre die, das die volkswirtschaftliche Grundlinie abgesenkt würde, unterhalb derer man sich verschuldet und überschuldet und oberhalb derer man auf immernoch unterschiedlichem Niveau existieren kann.

In den primitiven Gesellschaften, die man heute noch in Urwäldern finden kann, lebt man selbstverständlich von dem, was der Urwald bietet. Dabei kann man sich beliebig viel Arbeit machen, Wald roden, Kulturpflanzen anpflanzen oder Vieh halten. Dadurch sind auch die Menschen der primitiven Gesellschaften in der Lage, ihren Lebensstandard zu steigern. Andererseits kann man stattdessen auch mit dem zufrieden sein, was der Urwald freiwillig hergibt. Falls man vorübergehend oder dauerhaft nicht den arbeitsintensiven und zeitaufwendigen Tätigkeiten nachgehen kann, ist das besonders praktisch. In den primitiven Gesellschaften wird niemand in eine Verschuldung gezwungen, ausgebeutet oder nur deswegen gedißt, weil er sich nicht genug für völlig sinnlose Dinge abrackert. Diesen Vorteil haben die modernen Gesellschaften verloren. In dieser Hinsicht waren die Kultur und insbesondere die Zivilisation ein großer Rückschritt. Jedes Tier, sofern es in freier Wildbahn lebt, hat es noch besser als der Mensch in einer modernen Gesellschaft. Zusammen mit dem Urwald ist uns die volkswirtschaftliche Nullinie verlorengegangen, die als Fangnetz diente, und durch eine Grundlinie auf viel zu hohem und vor allem immer weiter steigendem Niveau ersetzt worden. Das Bedingungslose würde nicht mehr tun als die Grundlinie, unterhalb der man nur noch vegetieren kann, wieder etwas mehr der natürlichen Nullinie anzunähern. Je höher der Betrag ist, der dem Einzelnen durch das Bedingungslose zustehen würde, desto weiter würde die volkswirtschaftliche Grundlinie abgesenkt.

Ein Absenken der volkswirtschaftlichen Grundlinie ist eine wünschenswerte Entwicklung, weil dadurch endlich Potentiale freigesetzt würden, die zur Zeit in allen modernen Gesellschaften an völlig sinnlose Tätigkeiten gebunden sind. Genau das wäre es wiederum, was eine Volkswirtschaft erblühen ließe und einen Staat voranbrächte.

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