2009/05/05

Sprachkrise


Ihr habt sicher schon einige der Leute im Fernsehen gesehen oder im Radio gehört, die zwar überhaupt kein Wort Chinesisch können, aber trotzdem ständig erklären, was die chinesische Sprache über eine Krise aussage. Nerven solche Leute euch auch? Falls nicht, dann wird das jetzt geändert. Zunächst mal stammt das Wort Krise überhaupt nicht aus dem Chinesischen, sondern aus dem Griechischen.

Laut der Wikipedia kommt das Wort Krise vom altgriechischen krísis (κρίσις), was soviel wie „die Meinung“, „Beurteilung“, „Entscheidung“ bedeutete. Dann machte das Wort einen Sprachwandel durch und bedeutete schließlich "die Zuspitzung". Das heutige griechische Wort dafür ist krísi (κρήση).

Noch weiter wollen wir uns nicht auf die Wikipedia stützen, weil die sich gerade in letzter Zeit mehr und mehr mit Unsinn füllt.

Selbstverständlich wurde das altgriechische Wort von allen übernommen, die ihre Kultur auf das alte Griechenland zurückführen. Das ungefähr das gesamte Europa. So bezeichnet auch das deutsche Wort Krise, daß sich etwas zuspitzt. Das kann gefährlich sein, aber man kann so eine Zuspitzung auch als Gelegenheit begreifen und die Gelegenheit ergreifen. Außerhalb Europas war der Begriff der Krise lange Zeit unbekannt. Das ist nicht verwunderlich, weil der Begriff auf typisch europäischer Philosophie beruht.

Als der Erste Weltkrieg vorüber war, wurde der Versailler Vertrag geschlossen. Japan befand sich damals unter den Siegermächten. Die japanische Delegation verlangte, daß ein Rassismusverbot in den Versailler Vertrag geschrieben werde. Von deutscher Seite kam kein Protest, aber die USA verhinderten das Rassismusverbot im Versailler Vertrag. Da erkannten die Japaner, daß sie auf der falschen Seite gestanden hatten und entschieden sich dafür, den Versailler Vertrag nicht zu unterschreiben. Seit diesem Tag besteht eine deutsch-japanische Freundschaft. Am Anfang war die noch beiden Seiten wichtig. Heute ist das anders, deswegen stammen gute deutsch-japanische Wörterbücher aus spätestens den neunzehnhundertvierziger Jahren. Seitdem wurden die nur teuerer. Deutschland war damals in der Wissenschaft weit führend. Deswegen übernahmen die Japaner viele Wörter aus dem Deutschen. Inzwischen sind viele deutsche Wörter im Japanischen sehr selten geworden und werden nur noch in Spezialgebieten verwendet. Für die wichtigsten deutschen Wörter überlegten sich die Japaner Lehnübersetzungen, die sich mit Kanji schreiben ließen. Die lehnübersetzten deutschen Wörter werden bis heute häufig im Japanischen verwendet, nicht mehr als fremd empfunden und wurden von allen Sprachen übernommen, die ähnlich stark vom Chinesischen beeinflußt worden waren. Das wurde natürlich durch die Kanji-Schrift erheblich erleichtert. Sogar die Chinesen, die bereits alle Japaner haßten, übernahmen die Lehnübersetzungen der deutschen Wörter aus dem Japanischen. Ein wichtiges solches Wort übersetzten die Japaner als きき, aber das ist nicht sehr eindeutig, deswegen schreibt man es vorzugsweise mittels Kanji als 危機。 Die Aussprache der Kanji erklären die Japaner normalerweise nicht mittels den Hiragana, sondern mit Katakana, also wäre das hier キキ. Ihr wißt trotzdem nicht, wie 危機 richtig ausgesprochen wird? Na gut, Romaji sind inzwischen ebenfalls eine offiziëlle Schrift daher ist auch die für euch verständlichste Umschrift im Japanischen korrekt und zwar: Kiki. Ein weiteres Beispiel ist Kagaku (科學). Das bedeutet Wissenschaft. Die Naturwissenschaft heißt entsprechend Shizen-kagaku (自然科學). Naturwissenschaft ist schon im Deutschen ein zusammengesetztes Wort und dementsprechend ist selbstverständlich die japanische Lehnübersetzung ausgefallen.

Die Chinesen erkannten ihre Schriftzeichen natürlich sofort wieder und übernahmen nur noch die speziëllen Zusammenstellungen der Japaner. Obwohl die Chinesen die betreffenden Wörter aus dem Japanischen übernommen haben, bleiben sie dennoch Lehnübersetzungen aus dem Deutschen. Im Chinesischen wurde zunächst lediglich die Aussprache chinesisch. Das heißt, im Chinesischen nennt man die Wissenschaft Kēxué (科學), die Naturwissenschaft Zìránkēxué (自然科學) und das Wort 危機 wird "wēijī" ausgesprochen.

Ihr ahnt es wahrscheinlich schon, daß aus dem deutschen stammende, lehnübersetzte, japanische Kiki (危機) und chinesische Wēijī (危機) bedeutet Krise. Man kann dem Wort leicht ansehen, daß es nicht stimmt, daß dieses Wort aus nur zwei Strichen bestehe. Dagegen stimmt es schon, daß das Wort aus zwei Wörtern zusammengesetzt ist. Wie sollte es auch anders sein, schließlich hatten die Chinesen nie ein Schriftzeichen für "Krise" erfunden, denn dann hätten sie kein deutsches Wort übernehmen brauchen. Dann stimmt weiterhin, daß Wēi (危) "Gefahr" und Jī (機) "Chance" oder "Gelegenheit" bedeutet. Das betrachteten die Japaner als die exakteste Methode, um den deutschen Begriff der Krise mit allen seinen möglichen Verwendungen und Ableitungen wiederzugeben.

Die Chinesen vereinfachten ein paar Jahrzehnte später einige ihrer Schriftzeichen. Dadurch wurde 危機 zu 危机。Dadurch ist es leichter zu schreiben. Dafür nahm die chinesische Regierung in Kauf, daß manche Schriftzeichen ihre Eindeutigkeit verloren. Trotzedem bleibt Wēijī (危機 / 危机) eine Lehnübersetzung aus dem Deutschen. Aus dem Deutschen wurde damit die Idee übernommen, daß eine Krise zugleich Gefahren und Chancen bedeutet. Wer erklären will, daß in Krisen Chancen verborgen liegen, der müßte das vom Deutschen her erklären, so wie es früher den befreundeten Japanern erklärt wurde. Aber heute läßt man sich solche Dinge lieber von Leuten erklären, die nichtmal ihre eigene Muttersprache beherrschen. Leute, die nichtmal ihre eigene Muttersprache beherrschen, wollen euch erklären, was eine ihnen völlig fremde Sprache über Krisen aussage! Man muß sich nicht darüber wundern, daß ein von solchen geistigen Tieffliegern bevölkertes Land in eine Krise schlittert.

Eine andere Form sprachlich-geistiger Tieffliegerei wird euch durch die hier verlinkte Netzseite erläutert.

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