2009/05/10

Kirchgang


Der zumeist sonntags durchgeführte Besuch eines Gottesdienstes in einem Sakralgebäude der christlichen Religion. Kirche bezeichnet dabei sowohl eine Organisation innerhalb der christlichen Religion als auch ein von dieser Organisation errichtetes Sakralgebäude. Eine Kirche unterscheidet sich von einer Sekte dadurch, daß sie bereits eine gewisse Verfilzung ihrer Autoritäten mit der Staatsmacht erreichen konnte, zum Beispiel kann eine Kirche in manchen Ländern, vor allem Deutschland und Österreich, Kirchensteuern erheben, die durch den Staat eingetrieben werden. In den USA ist Scientology mit der Staatsmacht verfilzt, so daß sie sich dort Kirche nennen darf, während sie in europäischen Ländern nicht so gesehen wird.

Bis vor wenigen hundert Jahren erfüllte der Kirchgang wichtige Funktionen innerhalb des Christentums. Die Gläubigen waren Analphabeten, aber die Amtsträger konnten nicht nur lesen und schreiben, sondern waren allgemein sehr gebildet und gut informiert. Sie lasen den Gläubigen die religiösen Texte der Bibel vor, belehrten die Gläubigen über die Interpretation der Texte und sagten ihnen, wie sie die wichtigen Ereignisse ihrer Zeit zu bewerten hatten. Inzwischen sind lesen und schreiben gerade unter den Christen weit verbreitete Fähigkeiten geworden. Die Gläubigen sind nicht mehr darauf angewiesen, sich von wenigen Amtsträgern belehren zu lassen und deren politischen Ansichten übernehmen zu müssen. Trotzdem paßten die Kirchen ihre Rituale nicht den veränderten Umständen an.

Heute dient das Ritual des Kirchgangs nur noch dazu, den kirchlichen Autoritäten zu ermöglichen, noch mehr Geld von den Gläubigen einzusammeln. Inwiefern das Gott dienlich ist, bleibt ein Geheimnis der Kirche. Deswegen gibt es immer weniger Kirchgänger. Die Kirchen glauben, daß sie immer mehr Gläubige verlören, aber es gibt für den Christen keine Notwendigkeit mehr, die Sakralgebäude aufzusuchen. Alles, was sie dort tun können, können sie an anderen Orten, meistens sogar zuhause, einfacher und besser erledigen.

Sie können zum Beispiel Gott dafür danken, daß es die Schweiz gibt. Kürzlich hat die nämlich einige europäische Machthaber eingeladen und sie hautnah miterleben lassen wie die schweizer Basisdemokratie funktioniert. Ohne das lebendige Beispiel der Schweiz wäre bestimmt schon der letzte Rest jeglicher Demokratie aus der Welt verschwunden und es gäbe nur noch totalitäre Regime. Das Beispiel der Schweiz beweist seit Jahrhunderten, daß es auch anders geht. Deswegen kann man Gott überhauptnicht genug dafür danken, daß es die Schweiz gibt. Das muß man jedoch nicht am Sonntag in der Kirche tun, sondern man könnte beispielsweise sich zuhause dreimal oder sogar fünfmal täglich niederwerfen und Gott dafür danken, daß es die Schweiz gibt.

Weil die Rituale der Kirche nach wie vor für Analphabeten gemacht sind, aber inzwischen eine gewisser Bildungsstand Allgemeingut ist oder zumindest sein sollte, fühlen sich immer weniger Gläubige durch die Rituale der Kirche angesprochen. Die Kirchen sorgen auf diese Weise selbst dafür, daß sie immer weniger Anhänger haben, obwohl das Christentum als Religion nach wie vor sehr verbreitet ist.

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