2009/05/16

Kain und Abel


Mein Verfasser wurde durch ein Internetforum auf einen selten zur Kenntnis genommenen Aspekt der Geschichte um Kain und Abel aufmerksam gemacht. Wahrscheinlich kann man heute nicht mehr davon ausgehen, daß die Geschichte allen Leuten bekannt ist. Daher wird hier zunächst die Geschichte von Kain und Abel erzählt.

Kain und Abel waren Brüder. Sie gehörten zu den ersten Menschen überhaupt. Daraus folgt, daß sie in der Altsteinzeit lebten. Damals sprachen die Menschen noch direkt mit Gott und Gott direkt mit den Menschen. Manchmal brachten die Menschen Opfer für Gott dar. Kain und Abel rivalisierten miteinander wie Brüder das bis zum heutigen Tage zu tun pflegen. Sie hatten beide verschiedene Berufe. Kain war ein friedlicher Ackerbauer, krümmte keinem Tier ein Haar, erntete Getreide und Früchte und lebte auch von denen. Abel dagegen war ein Viehhirte. Er zog Tiere nur zu dem Zweck auf, sie brutal zu schlachten und zu essen. Er ernährte sich hauptsächlich von rohem Fleisch und seine Hände trieften fast ständig vor Blut. Eines Tages nach der Erntezeit hatte Kain eine reichliche Ernte eingefahren und beschlossen, Gott durch ein reichliches Opfer dafür zu danken. Abel sah das und deswegen beschloß er, Gott ebenfalls ein reichliches Opfer darzubringen. Abel schlachtete einige seiner Tiere und opferte die. Gott nahm das Opfer Abels an, aber das Opfer Kains nahm er nicht an. Kain verstand nicht, wie Gott die leckeren und wohlriechenden Früchte verschmähen, aber zugleich das Opfer des brutalen Tierschlächters annehmen konnte. Darüber wurde Kain sehr wütend. Er wurde so wütend, daß er nicht mehr klar denken konnte, gab Abel die Schuld an der Ungerechtigkeit, nahm einen großen Stein und erschlug damit seinen Bruder Abel.

Nach einer Weile sprach Gott wieder mit Kain und fragte ihn: "Kain, wo ist dein Bruder Abel?"
Kain antwortete: "Ich habe keine Ahnung, wo der steckt."
Gott fragte ihn nochmal: "Kain, wo steckt dein Bruder?"
Kain antwortete mit dem berühmt gewordenen Satz: "Bin ich der Hüter meines Bruders? Ich weiß nicht, wo Abel sich aufhält."
Gott sagte daraufhin zu Kain: "Kain, ich kann das Blut deines Bruders riechen, aber seine Stimme ist verstummt. Ich weiß genau, was du getan hast. Du hast deinen Bruder umgebracht."

Der Rest der Geschichte ist nicht so wichtig und wird daher nur kurz zusammengefaßt. Kain verhandelte noch etwas mit Gott und die beiden einigten sich darauf, daß es allein Gottes Sache sei, Kain zu bestrafen und Gott auch dafür Sorge tragen würde, daß kein Mensch Hand an Kain legen werde. Aus dem letzten Teil wurden schon immer viele Schlußfolgerungen gezogen. Zum Beispiel beschäftigte Philosophen die Frage, ob Kain vorsätzlich handeln konnte, da Morde den ersten Menschen noch unbekannt waren. Möglicherweise ahnte er nichtmal, daß durch seine Handlungen sein Bruder sterben könnte. Viel wahrscheinlicher wurde Kain deswegen verschont, weil er trotz seiner einzelnen Tat ein viel besserer Mensch war als jemand, der von Gott geschaffene Tiere tötet. Aber das ist natürlich nicht die interessante, zu selten thematisierte Frage.

Die Frage, um die es geht, ist die, warum es in der Geschichte nicht der brutale Schlächter ist, der den scheinbar friedlichen Ackerbauern umbringt, sondern genau umgekehrt. Ist das nicht wirklich seltsam?

Natürlich ist es das nicht. Das ist der eigentliche Kern der Geschichte. Es ist das, worum es hier wirklich geht. Bei Kain und Abel handelt es sich um Frühmenschen, die in der Altsteinzeit lebten und zwar zur Zeit der Seßhaftwerdung. Genauer gesagt, erzählt die Geschichte um Kain und Abel, nach Ansicht christlicher Theologen, in einem Gleichnis die Geschichte der Seßhaftwerdung. Abel übte einen damals schon einigermaßen traditionellen Beruf aus. Kain war sehr innovativ. Er steckte Grundstücke ab und zäunte sie ein. Die Herden der Nomaden, die durch Abel symbolisiert werden, hätten alles abgefressen, das die durch Kain symbolisierten Ackerbauern angepflanzt hatten. Vor der Zeit der Seßhaftwerdung lebten Jäger und Sammler friedlich nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander. Gleichzeitig mit der Seßhaftwerdung zog der durch Kain symbolisierte Teil der Menschheit befestigte Grenzen mitten durch die Landschaft. Damit hatte dieser Teil der Menschheit gleichzeitig den Krieg erfunden. Bis heute werden die menschengemachten Grenzen von der Natur nicht respektiert, sie werden von Tieren, Pflanzen, Mikroben, Wind, Wolken und Naturkatastrophen übertreten, weil Grenzen kein Teil der göttlichen Schöpfung sind. Kain war deswegen der Böse, weil er der erste Protektionist war. Staatsgrenzen und Protektionismus sind böse. Ohne Staatsgrenzen und Protektionismus gäbe es keine Streitigkeiten um Grenzen und keine Kriege. Daher ist es völlig klar, daß in der Geschichte um Kain und Abel nur Kain der Böse sein konnte, während Abel von der geschichtlichen Entwicklung völlig überrascht war.

Die Nachfahren der heutigen Menschen werden sich vielleicht eine ähnliche Geschichte aus der heutigen Zeit erzählen, weil es heute parallele Entwicklungen im immateriëllen Bereich gibt. Heute werden sogar im Internet Grenzen gezogen, wo keine hingehören. Das Zurückschicken nach Europa gelangter Flüchtlinge nach Afrika wird auch ganz ohne allegorische Geschichten seitens späterer Generationen richtig bewertet werden.

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