2009/05/13

Die unzählbaren Massen


Was glaubt ihr, wieviele Chinesen es gibt? 1,3 Milliarden? Nur noch 1,2 Milliarden? Nur noch ein Fünftel der Menschheit spricht Chinesisch? Fragt ihr euch jetzt vielleicht sogar, warum ich von "nur noch" spreche? Zumindest letzteres kann ich beantworten.

Über den Zeitraum von nur ein paar Jahren hinweg hat mein Verfasser beobachtet, daß die Zahl der Menschen, die Chinesisch sprechen, immer kleiner zu werden schien, obwohl gleichzeitig immer mehr Menschen Chinesisch lernten. Zunächst hieß es, daß ein Drittel der Menschheit Chinesisch spricht. Damit machte man Werbung für Chinesischkurse. Möglicherweise überstieg die Teilnehmerzahl die Kapazität der Chinesischkurse, denn die Werbung änderte sich. Es wurde nur noch mit einem Viertel der Menschheit geworben, das Chinesisch sprechen sollte. Schließlich mußte mein Verfasser beobachten, daß die Anzahl sogar auf nur ein Fünftel der Menschheit schrumpfte. Davor hatte mein Verfasser noch angenommen, daß Sprachkurse die Anzahl der Sprecher einer Sprache erhöhen sollten. Kann es sein, daß inzwischen so viele Muttersprachler weggestorben sind?

Tatsächlich sprach man zunächst noch davon, daß es anderthalb Milliarden Chinesen geben sollte. Schon währenddessen schrumpfte die Anzahl der Chinesischsprecher zum ersten Mal zusammen. Dann schrumpfte die Anzahl der Chinesen ebenfalls und zwar auf angebliche 1,3 Milliarden. Heute sollen es nur noch 1,2 Milliarden sein. Das geschah alles innerhalb nur weniger Jahre. Wurden sie alle durch eine Epidemie hinweggerafft oder wie ging das vor sich? SARS und Vogelgrippe wurden jedenfalls erst ganz am Ende des Schrumpfungsprozesses bekannt.

Die Lösung des Rätsels dürfte ganz woanders liegen. Früher befragte man nämlich Kulturwissenschaftler, wenn man etwas über andere Kulturen wissen wollte. Manchmal wurden die so erhaltenen Informationen dann noch durch Journalisten weiterverbreitet. Die Journalisten wußten natürlich auch, wen sie für welches Fachgebiet befragen mußten. Inzwischen wurde diese Methode auf nahezu allen Fachgebieten durch eine andere Methode abgelöst. Heute gibt es nur noch eine Journaille, die schnell mal etwas aus dem Ärmel schüttelt. Fakten sind nicht mehr gefragt. Wer sich auch nur die offiziëllen statistischen Zahlen ansieht, die zum Beispiel die Volksrepublik China veröffentlicht, gilt schon als fleißig. Früher gab es anderthalb Milliarden Chinesen, weil die Journalisten Chinawissenschaftler befragten und die ihnen sagten, daß man einer chinesischen Statistik nicht vertrauen darf. Genausogut könnte man Zahlen einfach erfinden. Tatsächlich sind die Zahlen in chinesischen Statistiken, ganz besonders in den offiziëllen, oft erfunden.

So wie die Europäer zu jener Zeit auch, wurden die Chinesen in vorangegangenen Jahrhunderten nach der Anzahl an Personen besteuert, die in einem Haushalt wohnten. In den Niederlanden wurden dazu die Stühle gezählt, die in einem Haus zu finden waren. Damit nicht deswegen auch noch der Hausfriede gestört wurde, bauten die Niederländer große Fenster ein und ließen die Vorhänge weg. Um die deutsche Obrigkeit nicht auf die gleiche Idee zu bringen, bauten die Deutschen nur noch kleine Fenster und verhängten die noch zusätzlich mit Gardinen. Also zählte man in deutschen Städten nur die Fenster, nach deren Anzahl sich dann die Steuern richteten. Das führte insbesondere in Berlin dazu, daß oft ein Teil der Fenster alter Häuser zugemauert ist. Die Chinesen waren weniger umständlich. Der Hausherr war verpflichtet, die Zahl der Bewohner seines Hauses deutlich sichtbar auf dessen Fassade zu schreiben. So konnte sie ganz einfach abgelesen werden. Das funktionierte einige Jahrhunderte lang sehr gut. Jedoch sank die Ehrlichkeit bei den Angaben gleichzeitig mit der Anzahl der Kontrollen. Besonders verbreitet war die Methode, eine Zahl über Generationen auf der Hausfassade stehen zu lassen. Beamte überprüften das gerne mit der für sie bequemsten Methode und sahen nach, welche Zahlen in den alten Steuerregistern standen. Stimmten beide Zahlen überein, dann mußte doch alles seine Ordnung haben. Nur manche späteren Kaiser bemerkten, daß zuwenig Steuern eingenommen wurden. So erließ Kaiser Kāngxī (康熙, * 04.05.1654, regierend ab 07.02.1661, † 20.12.1722) alle paar Jahre eine Anordnung, die Zahlen zu aktualisieren und Steuerhinterzieher zu bestrafen. Das verhalf manchen Familien zu großen finanziëllen Verlusten.

Noch heute mögen es Chinesen nicht, wenn sie bespitzelt werden. Im Jahr 2000, also ein Jahr vor der regelmäßig im Zehnjahresrhythmus stattfindenden Volkszählung der Inder, sollte das chinesische Volk nach dem Willen seiner Regierung gezählt werden. Die Regierung hatte angekündigt, daß die Leute über ihre Nachbarn befragt werden sollten, weil man sich davon ehrlichere Angaben erhoffte. Mit der Ankündigung erreichte man ein noch größeres Mißtrauen beim chinesischen Volk. Das wehrte sich daraufhin so erfolgreich wie es Deutsche das letzte Mal in den 1980er Jahren getan haben. Das chinesische Volk hat sich selbst vor langer Zeit schon den Namen Wànzhòng (萬眾) gegeben und dem Namen machte es alle Ehre. Wànzhòng (萬眾) läßt sich ziemlich genau als "die unzählbaren Massen" übersetzen. Man kann es zwar auch anders übersetzen, solange dabei nur eine unüberschaubar große Anzahl herauskommt, aber durch die mißlungene Volkszählung wurde die Übersetzung "die unzählbaren Massen" geadelt. Sollte es tatsächlich irgendwann doch noch ein chinesisches Jahrtausend geben, dann nur deswegen, weil sich das chinesische Volk eine gesündere Einstellung bewahrt hat als es das deutsche Volk geschafft hat.

Übrigens gibt es in China selbst Experten, die sich trotz allem zutrauen, die Anzahl der heute lebenden Chinesen zu beziffern. Sie gehen davon aus, daß es immer noch zwischen 1,3 Milliarden und 1,5 Milliarden Chinesen gibt, aber daß es sich dabei nur um die Zahl der offiziëll registrierten Chinesen handelt. Dazu kommt noch eine gewisse Anzahl nirgendwo registrierter Chinesen, deren Existenz soweit möglich geheimgehalten wird. Dabei handelt es sich zum größten Teil um nicht als erste geborene Kinder armer Eltern, die sich die Geldbuße für den Verstoß gegen das chinesische Einkindgesetz nicht leisten können. Damit dürfte das chinesische Volk insgesamt auf eine Zahl zwischen 1,6 Milliarden und 1,8 Milliarden Menschen kommen. Bei der Zahl von nur 1,2 Milliarden Chinesen wird also glatt ein Drittel des größten Volkes der Welt einfach unterschlagen.

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