2009/05/06

Deflation


Die Deflation ist das Gegenteil der Inflation, die wir bereits besprochen haben. Daher tritt die Deflation natürlich ebenfalls in Volkswirtschaften auf, in denen Gold und andere Edelmetalle als Währung verwendet werden. Weil der Zufluß des Goldes aus den Goldminen nicht konstant ist, gibt es außer Phasen, in denen mehr Gold als benötigt wird in die Volkswirtschaft fließt, auch Phasen, in denen weniger Gold als benötigt wird in die Volkswirtschaft fließt. Eine Phase mit so einem Mangel an Währungseinheiten heißt Deflation. Nur eine Volkswirtschaft die niemals wächst, könnte ohne den Zustrom weiterer Währungseinheiten auskommen. Aber dafür müßte die Anzahl der Wirtschaftsteilnehmer konstant bleiben. Wir können davon ausgehen, daß diese Annahme unrealistisch ist. Deswegen wird es in einer Volkswirtschaft, die Edelmetalle als Währung verwendet, immer wieder Zeiten geben, in denen zuwenig von den Edelmetallen vorhanden ist. Die Konsequenz daraus ist, daß viele Leute die Waren, die sie kaufen möchten, nicht mehr zu den bis dahin geltenden Preisen kaufen können, weil sie das Geld dafür nicht haben. Auf diese Weise können einerseits die Konsumenten ihre Bedürfnisse nicht decken, andererseits können Händler und später auch die Hersteller ihre Waren nicht absetzen. Aber die Händler und Hersteller haben laufende Kosten, die sie decken müssen. Deswegen müssen sie ihre Waren absetzen. Ihnen bleibt nur übrig, die Preise zu senken. So wird der Mangel an Edelmetallen über die gesamte Volkswirtschaft verteilt. Anders als die Preiserhöhungen werden die Preissenkungen seitens der Händler und Hersteller nicht freiwillig durchgeführt, sondern erst wenn sie keinen anderen Ausweg mehr sehen. Deswegen gibt es in jeder Deflation einige Symptome an denen man eine Deflation erkennen kann und die für die gesamte Volkswirtschaft nicht gut sind. Dazu gehören Insolvenzen und Jobverluste. Sobald jedoch die Preise gesenkt wurden, ist der vorherige Zustand wiederhergestellt und die Deflation vorbei.

Volkswirtschaften, die Papiergeld oder Buchgeld statt Edelmetallen verwenden, können auf natürlichem Weg keine Deflation erfahren. Man könnte in so einer Volkswirtschaft allenfalls durch politische Maßnahmen eine Deflation erzwingen. Man könnte der Volkswirtschaft absichtlich einen Teil der Währung entziehen und sie irgendwo horten. Dadurch käme es zunächst zu einer Deflation. Wird die gehortete Währung der Volkswirtschaft wieder zugeführt, dann kommt es zu einer Inflation. Man könnte auf diese Weise versuchen, Preise konstant zu halten, die sich aufgrund anderer Ursachen ändern müßten. Wird die gehortete Währung auf einen Schlag auf die Volkswirtschaft losgelassen, dann kommt es statt zu einer normalen Inflation zu einer Hyperinflation. In diesem Fall wird die Währung schnell als völlig wertlos angesehen und die Bevölkerung wird versuchen auf andere Währungen auszuweichen. Um sich auf eine Hyperinflation vorzubereiten, kann man Gold und Devisen kaufen. Wer keine Hyperinflation erwartet, braucht das nicht zu tun. Eine Hyperinflation läßt sich auch erzeugen, indem die Notenpressen voll ausgelastet werden, sofern die Regierung sich die Macht vorbehalten hat, so etwas anzuordnen. Um diesen in der Vergangenheit schon oft begangenen Fehler zu vermeiden, hat man die Autorität über die Notenpressen auf die Zentralbanken übertragen. Solange deren Autonomie gegenüber der Regierung nicht angetastet wird, ist die Volkswirtschaft vor Inflation, Deflation und Hyperinflation sicher. Einer Hyperinflation, egal auf welche Weise sie erzeugt wird, geht immer eine Deflation voraus. Hinterher kommt dann immer ein Währungsschnitt und die Einführung einer neuen Währung. Wer dann nicht vorgesorgt hat, wird sein gesamtes Vermögen verlieren. Deswegen gibt es Leute, die für den Prozeß einer Deflation mit anschließender Hyperinflation vorsorgen. So eine Vorsorge erfordert jedoch einen gewissen, nicht zu knapp einzuschätzenden, Wohlstand. Das Prinzip der Vorsorge mittels Edelmetallen und Devisen ist es nämlich, während der kritischen Phase von seinem Erspartem zu leben. Wer dafür nicht genug Erspartes hat, kann nicht auf diese Weise vorsorgen. In dem Fall bleibt nur, dafür zu sorgen, daß die Volkswirtschaft nicht lediglich von einer einzigen Währung abhängig ist. Das ist die Idee, die hinter den sich zunehmend verbreitenden Komplementärwährungen steckt. Jedoch ist der gesetzliche Rahmen für diese Möglichkeit aufgrund von Partikulärinteressen viel zu eng gesteckt.

Es gibt noch eine Rahmenbedingung, mittels der ein Staat für eine künstliche Deflation sorgen kann. Das ist der Debitismus. Debitismus bedeutet, daß der Staat Banken die Möglichkeit einräumt, Geld zu schöpfen, solange dem Geld ausreichend Schulden gegenüberstehen. Debitismus wird in der Europäischen Union, in Nordamerika und wahrscheinlich bereits in allen modernen Volkswirtschaften praktiziert. Der Debitismus basiert auf einem genialen Grundgedanken. Um Inflation und Deflation zu vermeiden, muß die Geldmenge in einer Volkswirtschaft konstant bleiben. Gleichzeitig muß sich die Geldmenge an Veränderungen, zum Beispiel der Anzahl der Wirtschaftsteilnehmer, anpassen. Wie bekommt man diese beiden scheinbar unvereinbaren Anforderungen unter einen Hut? Das ist nicht so schwer wie es scheint. Man muß die Schulden von der vorhandenen Währungsmenge abziehen, weil Schulden negatives Geld sind. So erhält man die gesamte Geldmenge der Volkswirtschaft. Schafft man für jede neu dazukommende Geldmenge eine gleich hohe Menge an Schulden, dann ändert sich die gesamte Geldmenge nicht. Bleibt die gesamte Geldmenge immer auf Null, dann ist sie immer konstant. Gleichzeitig paßt sich die umlaufenden Geldmenge dem jeweils aktuëllen Bedarf an. Am Ende werden die Schulden an die geldausgebende Stelle zurückgezahlt und der Kreislauf kann von vorne beginnen. Anders ausgedrückt, zieht man einfach die roten Zahlen von den schwarzen Zahlen ab, dann erhält man die Geldmenge, die überschüssig ist. Falls die Differenz Null beträgt, dann befindet sich die gesamte Volkswirtschaft im grünen Bereich. Eine schwarze Zahl statt der grünen Null bedeutete eine Inflation und eine rote Zahl bedeutete eine Deflation. Die beiden Möglichkeiten sollten theoretisch überhaupt nicht eintreten.

Bei der Umsetzung des Debitismus wurde jedoch ein gravierender Fehler gemacht. Zwar erschafft eine Bank gleichzeitig Geld und Schulden, aber sie darf zusätzlich auch noch Zinsen verlangen. Natürlich würde die Bank überhaupt nicht arbeiten, wenn sie keine Zinsen verlangen dürfte. Aber schauen wir uns an, was das in der Praxis bedeutet. Nehmen wir an, ein Unternehmen nimmt einen Kredit in der Höhe von 10'000 EUR bei einer europäischen Bank auf. Die Laufzeit des Kredits soll ein Jahr betragen. Nehmen wir weiterhin an, die Bank verlange dafür Zinsen in Höhe von 10 % pro Jahr. Dann bedeutet das für das Unternehmen, das es einerseits 10'000 EUR erhält, aber andererseits nach einem Jahr 10'000 EUR an Tilgung und weitere 1'000 EUR an Zinsen zurückzahlen muß, zusammen also 11'000 EUR. Das Unternehmen muß deswegen innerhalb des einen Jahres die zur Verfügung gestellte Geldsumme um mindestens 1'000 EUR erhöhen. Wo kommen die zusätzlichen 1'000 EUR her?

Ein Unternehmen schafft Werte, denn das ist seine Aufgabe. Es bekommt Geld dafür, indem es seine Waren, eventuëll über Händler, an Konsumenten verkauft. Dadurch kann das Unternehmen zwar seinen Vertrag mit der Bank einhalten, aber es hat das Problem der Beschaffung der zusätzlichen 1'000 EUR lediglich auf die Konsumenten abgewälzt. Konsumenten können nur dann konsumieren, wenn sie auch Einnahmen haben. Die erzielen sie normalerweise, indem sie ihre Arbeitskraft an ein Unternehmen verkaufen, das sie dafür bezahlt. Dadurch wird das Problem der Beschaffung der zusätzlichen 1'000 EUR auf ein anderes Unternehmen abgewälzt. Das zweite Unternehmen wird wahrscheinlich selbst auch Fremdkapital verwenden. Daher muß es sich nicht nur um die Beschaffung der 1'000 EUR des ersten Unternehmens, sondern auch die seiner eigenen Zinslasten kümmern. Nehmen wir an, das zweite Unternehmen muß nun statt 1'000 EUR gleich 2'000 EUR beschaffen. Das kann es natürlich wiederum nur tun, indem es das Problem auf seine Konsumenten abwälzt. So entsteht ein Teufelskreis, in dem immer mehr zusätzliche Schulden aufgetürmt werden und in der Volkswirtschaft umlaufen. Die Banken kümmern sich nicht um das von ihnen verursachte Problem und infolgedessen leidet die gesamte Volkswirtschaft unter einer Deflation. Die angemessene Reaktion darauf wäre natürlich, die Preise so weit zu senken, daß ein Ausgleich hergestellt wird. Aber das geht nicht, weil die Unternehmen auf die dann ausfallenden Einnahmen nicht verzichten können, weil sie ihre Verträge mit den Banken einhalten müssen. Debitismus könnte nur solange funktionieren, solange Banken keine Zinsen verlangen. Sobald in einer debitistischen Volkswirtschaft Zinsen verlangt werden, muß sie zwangsläufig und ungebremst auf eine Wirtschaftskrise zusteuern.

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